{"id":34220,"date":"2026-05-17T22:27:45","date_gmt":"2026-05-17T20:27:45","guid":{"rendered":"https:\/\/leonardcohen.de\/?p=34220"},"modified":"2026-05-17T22:56:52","modified_gmt":"2026-05-17T20:56:52","slug":"kw-20-2026-ueber-die-pflege-der-legende-von-david-bowie-und-seiner-liebe-zu-literatur-heroes-alexander-scheer-singt-bowie-in-der-alten-oper-frankfurt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/leonardcohen.de\/?p=34220","title":{"rendered":"KW-20-2026: \u00dcber die Pflege der Legende von David Bowie und seiner Liebe zu Literatur &#8211; &#8222;Heroes&#8220; &#8211; Alexander Scheer singt Bowie in der Alten Oper Frankfurt"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Zwischen Literatur, Lichtgestalten und Lebenshunger: Alexander Scheer singt Bowie in der Alten Oper Frankfurt<\/strong><\/h2>\n<p><a href=\"http:\/\/leonardcohen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bowie-logo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-34224\" src=\"http:\/\/leonardcohen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bowie-logo-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>14. Mai 2016. Alte Oper Frankfurt a.M. Es gibt Tribute-Abende, die funktionieren wie gut ge\u00f6lte Nostalgie-Maschinen. Man h\u00f6rt die gro\u00dfen Hits, sieht ein paar projizierte Fotos, klatscht bei den bekannten Refrains und geht mit dem beruhigenden Gef\u00fchl nach Hause, dass die Vergangenheit wenigstens musikalisch noch existiert. Und es gibt Abende wie \u201eHEROES \u2013 Alexander Scheer singt David Bowie\u201c in der Alte Oper Frankfurt, die genau das verweigern. Kein Karaoke der Erinnerung, kein Bowie-Museum, sondern ein zweist\u00fcndiger Versuch, die innere Temperatur eines K\u00fcnstlers wiederzufinden, dessen Werk bis heute zwischen Glamour, Abgrund und radikaler Selbstverwandlung oszilliert.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Let`s Dance by #AlexanderScheer singt #DavidBowie - Heroes in Frankfurt 14052026\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/8Ks-0vefddE?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Schon beim Betreten des Gro\u00dfen Saals lag eine eigent\u00fcmliche Spannung in der Luft. Das Publikum war so heterogen wie Bowies Werk selbst: \u00e4ltere Fans, die seine Berliner Jahre noch bewusst erlebt haben d\u00fcrften, Theaterpublikum, Indie-H\u00f6rer, neugierige Literaturmenschen. Die Alte Oper erwies sich dabei als idealer Ort f\u00fcr diesen Abend. Anders als die gro\u00dfen Mehrzweckhallen, deren Akustik in Frankfurt oft kritisiert wird, besitzt der Saal jene kontrollierte W\u00e4rme, die Musik atmen l\u00e4sst. Gerade in den leisen Momenten wurde deutlich, wie sehr dieser Raum auf Nuancen reagiert.<\/p>\n<p>Alexander Scheer betrat die B\u00fchne nicht wie ein Rockstar. Eher wie ein Schauspieler, der eine Figur beschw\u00f6rt, ohne sie imitieren zu wollen. Und genau darin lag die gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke des Abends. Scheer versucht zu keinem Zeitpunkt, David Bowie zu kopieren. Er \u00fcbernimmt weder Gestik noch Stimme, weder die ber\u00fchmte Distanz noch das kalkulierte Au\u00dferirdische. Stattdessen n\u00e4hert er sich Bowie von innen. Seine Interpretation basiert auf Textverst\u00e4ndnis, auf Haltung, auf emotionaler Wucht.<\/p>\n<p>Schon die ersten Songs machten klar, dass hier nicht blo\u00df eine Setlist abgespult wird. Die Band spielte mit rauer Pr\u00e4zision: Fee Aviv Dubois an der Gitarre setzte schneidende, oft fast expressionistische Akzente, w\u00e4hrend Steve Patutas Keyboards immer wieder jene schimmernden Klangfl\u00e4chen erzeugten, die sofort an Bowies Berliner Phase erinnerten. Rhythmisch blieb alles beweglich; nie steril, nie \u00fcberarrangiert. Statt bombastischer Originaltreue dominierte ein lebendiger, manchmal bewusst unperfekter Zugriff.<\/p>\n<p>Besonders eindrucksvoll war die dramaturgische Idee des Abends. Grundlage des Programms ist jene legend\u00e4re Liste von hundert B\u00fcchern, die Bowie selbst einst als pr\u00e4gend f\u00fcr sein Leben bezeichnete. Zwischen den Songs tauchten Texte auf: Fragmente aus D\u00f6blin, Dante, Christa Wolf oder Homer. Das h\u00e4tte leicht pr\u00e4tenti\u00f6s wirken k\u00f6nnen. Doch Scheer gelang das Kunstst\u00fcck, diese literarischen Exkurse organisch mit der Musik zu verweben. Pl\u00f6tzlich erschienen Songs wie \u201eAshes to Ashes\u201c oder \u201eHeroes\u201c nicht mehr blo\u00df als Popklassiker, sondern als Teil eines gr\u00f6\u00dferen kulturellen Kosmos.<\/p>\n<p>Gerade die Berliner Jahre Bowies standen im Zentrum des Abends. Frankfurt wurde f\u00fcr zwei Stunden zu West-Berlin 1977: eine Stadt der Nachtmenschen, Suchenden, Exzesse und k\u00fcnstlerischen Selbstrettung. Das B\u00fchnenlicht arbeitete viel mit kalten Farben, langen Schatten und abrupten Wechseln zwischen Dunkelheit und glei\u00dfender Helligkeit. Manchmal wirkte die B\u00fchne wie ein verlassener Nachtclub kurz vor Morgengrauen.<\/p>\n<p>Der emotionale H\u00f6hepunkt kam erwartungsgem\u00e4\u00df mit \u201eHeroes\u201c. Doch selbst hier vermied Scheer jede pathetische \u00dcberh\u00f6hung. Statt hymnischer Stadiongeste entstand etwas Fragiles, fast Z\u00e4rtliches. Die ber\u00fchmte Zeile vom Heldsein \u201ef\u00fcr einen Tag\u201c klang pl\u00f6tzlich nicht triumphal, sondern verzweifelt hoffnungsvoll. Genau darin lag die Gr\u00f6\u00dfe dieses Moments: Der Song wurde seiner \u00dcberverwendung entrissen und bekam seine existenzielle Dringlichkeit zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt war dieser Abend erstaunlich k\u00f6rperlich. Scheer sang nicht geschniegelt, sondern mit Risiko. Er presste T\u00f6ne heraus, brach sie auf, lie\u00df sie kippen. Manchmal klang er verletzlich, manchmal eruptiv aggressiv. Diese Br\u00fcchigkeit verlieh den Songs eine enorme Gegenw\u00e4rtigkeit. Bowie erschien nicht als Denkmal, sondern als Suchender, Getriebener, Grenzg\u00e4nger.<\/p>\n<p>Beeindruckend war auch, wie souver\u00e4n Scheer zwischen Konzert, Theater und Performance wechselte. In einem Moment schleuderte er dem Publikum eine Zeile entgegen wie ein Prediger am Rand des Nervenzusammenbruchs, im n\u00e4chsten sa\u00df er still auf einem Hocker und las beinahe fl\u00fcsternd einen Textauszug. Diese Wechsel erzeugten einen Sog, dem man sich kaum entziehen konnte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gab es auch kleinere Schw\u00e4chen. Nicht jede literarische Passage f\u00fcgte sich gleich stark in den musikalischen Fluss ein. Manche \u00dcberg\u00e4nge wirkten etwas didaktisch, und gelegentlich verlor der Abend kurz seine rhythmische Spannung. Doch gerade diese Unebenheiten machten die Auff\u00fchrung menschlich. Sie verhinderten jene sterile Perfektion, die vielen Tribute-Produktionen eigen ist.<\/p>\n<p>Am Ende stand minutenlanger Applaus. Kein h\u00f6flicher Kulturbeifall, sondern echte Begeisterung. Viele Zuschauer wirkten, als h\u00e4tten sie weniger ein Konzert als eine Begegnung erlebt \u2013 mit Bowie, aber auch mit den eigenen Erinnerungen, Sehns\u00fcchten und Br\u00fcchen.<\/p>\n<p>\u201eHEROES\u201c in der Alten Oper Frankfurt war deshalb weit mehr als eine Hommage. Alexander Scheer zeigte, dass David Bowie nicht deshalb unsterblich bleibt, weil seine Songs zeitlos w\u00e4ren. Sondern weil sie von Identit\u00e4t, Einsamkeit, Verwandlung und \u00dcberleben erz\u00e4hlen \u2013 also von all dem, was nie verschwindet. F\u00fcr einen Abend wurde daraus gro\u00dfes Musiktheater: intensiv, klug, dunkel leuchtend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Literatur, Lichtgestalten und Lebenshunger: Alexander Scheer singt Bowie in der Alten Oper Frankfurt 14. Mai 2016. Alte Oper Frankfurt a.M. Es gibt Tribute-Abende, die funktionieren wie gut ge\u00f6lte Nostalgie-Maschinen. Man h\u00f6rt die gro\u00dfen Hits, sieht ein paar projizierte Fotos, klatscht bei den bekannten Refrains und geht mit dem beruhigenden Gef\u00fchl nach Hause, dass die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":34223,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-34220","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/leonardcohen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34220","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/leonardcohen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/leonardcohen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/leonardcohen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/leonardcohen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34220"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/leonardcohen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34220\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34229,"href":"https:\/\/leonardcohen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34220\/revisions\/34229"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/leonardcohen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/34223"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/leonardcohen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34220"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/leonardcohen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34220"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/leonardcohen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34220"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}