{"id":34409,"date":"2026-07-06T22:00:06","date_gmt":"2026-07-06T20:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/leonardcohen.de\/?p=34409"},"modified":"2026-07-09T20:32:20","modified_gmt":"2026-07-09T18:32:20","slug":"kw-27-2026-rueckschau-standortbestimmung-und-aufbruch-deutschlandtournee-start-von-marillion-in-rastatt-vor-dem-residenz-schloss-von-christof-graf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/leonardcohen.de\/?p=34409","title":{"rendered":"KW-28-2026: R\u00fcckschau, Standortbestimmung und Aufbruch &#8211; Deutschlandtournee-Start von Marillion in Rastatt vor dem Residenz-Schloss &#8211; von Christof Graf"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">Photos: Christof Graf<\/p>\n<p class=\"isSelectedEnd\">Mit einem Konzert, das gleicherma\u00dfen R\u00fcckschau, Standortbestimmung und Aufbruch war, er\u00f6ffneten Marillion am 4. Juli 2026 im Ehrenhof des Rastatter Residenzschlosses ihre Deutschlandtournee. Die britischen Progressive-Rock-Veteranen bewiesen dabei eindrucksvoll, weshalb sie auch fast f\u00fcnf Jahrzehnte nach ihrer Gr\u00fcndung zu den au\u00dfergew\u00f6hnlichsten Livebands ihres Genres z\u00e4hlen. Vor der barocken Kulisse des Schlosses entstand an diesem warmen Sommerabend eine Atmosph\u00e4re, die wie geschaffen schien f\u00fcr die gro\u00dfen emotionalen B\u00f6gen und die epische Dramaturgie der Musik von Marillion.<\/p>\n<p class=\"isSelectedEnd\">Marillion sind l\u00e4ngst zu einer Anomalie im Musikgesch\u00e4ft geworden. W\u00e4hrend viele ihrer Zeitgenossen von der Vergangenheit leben, scheint die Band um S\u00e4nger Steve Hogarth in bemerkenswerter Weise in der Gegenwart angekommen zu sein. Das zeigte sich bereits in den ersten Minuten des Konzerts. Ohne Pathos, ohne gro\u00dfe Gesten betraten die Musiker die B\u00fchne und lie\u00dfen die Musik sprechen \u2013 und die sprach mit einer Klarheit und Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die nur Bands erreichen, die seit Jahrzehnten gemeinsam auf der B\u00fchne stehen.<\/p>\n<p class=\"isSelectedEnd\">Steve Hogarth, mittlerweile eine der markantesten Stimmen des britischen Art Rock, agiert dabei weniger als klassischer Frontmann denn als Erz\u00e4hler und Vermittler. Er singt die Texte nicht, er bewohnt sie. Seine Stimme hat \u00fcber die Jahre an jugendlicher Sch\u00e4rfe verloren, daf\u00fcr jedoch an Ausdruckskraft gewonnen. Gerade die leisen Momente, die tastenden Phrasen und die zerbrechlichen Zwischent\u00f6ne verliehen den Liedern eine beinahe intime Wirkung.<\/p>\n<p>Die Musik von Marillion war schon immer von einer eigent\u00fcmlichen Spannung gepr\u00e4gt: zwischen Gr\u00f6\u00dfe und Verletzlichkeit, zwischen hymnischer Weite und pers\u00f6nlicher Innenschau. In Rastatt wurde diese Spannung geradezu greifbar. Wenn Steve Rothery seine langen, melodischen Gitarrenlinien \u00fcber die Arrangements legte, \u00f6ffneten sich Klangr\u00e4ume, die eher an Filmmusik als an klassischen Progressive Rock erinnerten. Rothery geh\u00f6rt zu jenen Gitarristen, die nie durch technische Exzesse auffallen mussten, weil jede einzelne Note bereits ihre eigene Geschichte erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"isSelectedEnd\">Bereits der Auftakt mit \u201eSplintering Heart\u201c machte deutlich, dass die Band nicht auf routinierte Nostalgie setzte. Steve Hogarth betrat die B\u00fchne nicht als nostalgischer Frontmann einer legend\u00e4ren Formation, sondern als charismatischer Erz\u00e4hler, der jede Zeile mit bemerkenswerter Intensit\u00e4t durchlebte. Seine Stimme besitzt zwar nicht mehr die unersch\u00fctterliche Kraft fr\u00fcherer Jahre, daf\u00fcr aber eine Ausdrucksst\u00e4rke und emotionale Tiefe, die den Liedern zus\u00e4tzliche Dimensionen verleihen.<\/p>\n<p class=\"isSelectedEnd\">Mit \u201eThe Crow and the Nightingale\u201c und dem unverw\u00fcstlichen \u201eEaster\u201c gelang es Marillion fr\u00fch, das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Besonders \u201eEaster\u201c entwickelte sich zu einem ersten H\u00f6hepunkt des Abends: Steve Rotherys Gitarrensolo erhob sich \u00fcber den Ehrenhof wie eine hymnische Klage, w\u00e4hrend das Publikum die Melodie nahezu and\u00e4chtig mittrug. Dass die Band anschlie\u00dfend mit \u201eYou&#8217;re Gone\u201c und dem Live-Deb\u00fct von \u201eRibbons and Lace\u201c den Fokus auf j\u00fcngere Schaffensphasen legte, unterstrich den Anspruch, keine blo\u00dfe Best-of-Show zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p class=\"isSelectedEnd\">\u00dcberhaupt zeigte die Setlist eine bemerkenswerte Balance zwischen Klassikern und Material aus j\u00fcngeren Alben. Mit \u201eSounds That Can&#8217;t Be Made\u201c und \u201eSeasons End\u201c gelang die Verbindung verschiedener Epochen beinahe m\u00fchelos. Das Zentrum des Konzerts bildete jedoch die vierteilige Suite \u201eCare\u201c vom aktuellen Studioalbum \u201eAn Hour Before It&#8217;s Dark\u201c. In einer Zeit, in der viele Bands ihres Alters neue St\u00fccke eher als Pflicht\u00fcbung absolvieren, wirkten diese Songs bei Marillion wie das eigentliche Herzst\u00fcck des Abends. Themen wie gesellschaftliche Entfremdung, Sterblichkeit und Menschlichkeit erhielten in der Live-Interpretation eine geradezu beklemmende Aktualit\u00e4t. Besonders \u201eAngels on Earth\u201c entfaltete eine emotionale Wucht, die weit \u00fcber das hinausging, was die Studioversion vermittelt.<\/p>\n<p class=\"isSelectedEnd\">Musikalisch pr\u00e4sentierte sich die Band in bestechender Form. Steve Rothery spielte mit jener Mischung aus Eleganz und melodischer Pr\u00e4zision, die ihn seit Jahrzehnten zu einem der untersch\u00e4tztesten Gitarristen des Progressive Rock macht. Mark Kelly lie\u00df seine Keyboardfl\u00e4chen majest\u00e4tisch \u00fcber die Arrangements schweben, w\u00e4hrend Pete Trewavas und Ian Mosley das Fundament mit beeindruckender Selbstverst\u00e4ndlichkeit legten. Nichts wirkte \u00fcberladen, nichts demonstrativ virtuos \u2013 jede Note stand im Dienst des Songs.<\/p>\n<p class=\"isSelectedEnd\">Der Zugabenblock geriet schlie\u00dflich zur Feier des klassischen Hogarth-Katalogs. Die nahtlose Folge aus \u201eHotel Hobbies\u201c, \u201eWarm Wet Circles\u201c und \u201eThat Time of the Night\u201c entf\u00fchrte das Publikum zur\u00fcck in die sp\u00e4ten achtziger Jahre, ohne dabei museal zu wirken. Mit \u201eAfraid of Sunlight\u201c folgte einer der gro\u00dfen Marillion-Momente \u00fcberhaupt, ehe die abschlie\u00dfende \u201eBrave\u201c-Trilogie aus \u201eWave\u201c, \u201eMad\u201c und dem monumentalen \u201eThe Great Escape\u201c den Abend zu einem \u00fcberw\u00e4ltigenden Finale f\u00fchrte. Als die letzten Kl\u00e4nge \u00fcber dem Ehrenhof verklangen, blieb f\u00fcr einige Sekunden eine beinahe ehrf\u00fcrchtige Stille zur\u00fcck, bevor begeisterter Applaus losbrach.<\/p>\n<p>Der Tourauftakt in Rastatt zeigte eine Band, die l\u00e4ngst nicht mehr beweisen muss, dass sie relevant ist. Marillion besitzen etwas Wertvolleres: die F\u00e4higkeit, ihr Publikum \u00fcber zwei Stunden hinweg in eine eigene Welt zu entf\u00fchren. In einer Zeit schnell konsumierbarer Musik bleibt ein Marillion-Konzert ein Ereignis, das Konzentration verlangt und daf\u00fcr reich belohnt. Der Auftakt der Deutschlandtournee war deshalb weit mehr als nur ein gelungenes Konzert \u2013 er war eine eindrucksvolle Erinnerung daran, dass Progressive Rock auch im Jahr 2026 noch ber\u00fchren, \u00fcberraschen und \u00fcberw\u00e4ltigen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Photos: Christof Graf Mit einem Konzert, das gleicherma\u00dfen R\u00fcckschau, Standortbestimmung und Aufbruch war, er\u00f6ffneten Marillion am 4. Juli 2026 im Ehrenhof des Rastatter Residenzschlosses ihre Deutschlandtournee. Die britischen Progressive-Rock-Veteranen bewiesen dabei eindrucksvoll, weshalb sie auch fast f\u00fcnf Jahrzehnte nach ihrer Gr\u00fcndung zu den au\u00dfergew\u00f6hnlichsten Livebands ihres Genres z\u00e4hlen. 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