{"id":35291,"date":"2026-10-28T23:22:15","date_gmt":"2026-10-28T21:22:15","guid":{"rendered":"https:\/\/leonardcohen.de\/?p=35291"},"modified":"2026-10-28T23:51:44","modified_gmt":"2026-10-28T21:51:44","slug":"kw-44-2026-bob-dylan-2026-in-duesseldorf-die-leichtigkeit-der-bestaendigkeit-ein-konzertbericht-von-christof-graf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/leonardcohen.de\/?p=35291","title":{"rendered":"KW-44-2026: Bob Dylan 2026 in D\u00fcsseldorf &#8211; Die Leichtigkeit der Best\u00e4ndigkeit &#8211; Ein Konzertbericht von Christof Graf"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/leonardcohen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/a-Bob_Dylan-By-ChristofGraf_3-P1170272.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-35295\" src=\"http:\/\/leonardcohen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/a-Bob_Dylan-By-ChristofGraf_3-P1170272-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dusseldorf, Germany<\/p>\n<p>Mitsubishi Electric Hall<\/p>\n<p><strong>October 27, 2026<\/strong><\/p>\n<p>Review by Christof Graf &#8211; Photos by Christof Graf<\/p>\n<p>Die Leichtigkeit der Best\u00e4ndigkeit. F\u00fcr die einen und dabei wohl auch f\u00fcr die meisten, ist das erste Konzert eines neuen Tourneeabschnitts von Bob Dylan zugleich auch das letzte dieser Tournee, weil sie eben nur ein einziges Konzert besuchen. F\u00fcr andere ist vielleicht irgendein anderes oder aber auch das letzte Konzert eines Tourneeabschnitts das erste und zugleich das letzte. Andere besuchen gar mehrere Konzerte und k\u00f6nnen Konzerte vergleichen. Egal, zu welcher Besuchergruppe man geh\u00f6rt, man hat zumeist die Hoffnung, dass auch bei dem Konzert, das man gerade besucht, jene Lieder zu h\u00f6ren sind, auf die man sich besonders freut oder jene besonderen Lieder und Interpretationen zu h\u00f6ren sind, die z.B. schon vorab f\u00fcr Diskussionen in den sozialen Medien gesorgt haben. Mein Tourneeeinstieg 2026 war in D\u00fcsseldorf. Ein wenig war ich auf jene neidisch, die Dylan schon beim Tourneeauftakt seiner nun nicht mehr \u201eRough And Rowdy Ways Tour\u201c, sondern \u201eLights of Autumn\u201c-Tour betitelten Konzertreihe in Oslo\/ Norwegen erleben konnten. Dort pr\u00e4sentierte Dylan eine radikal abgespeckte Version des \u201eTangeld Up In Blue\u201c-Klassikers von 1975 \u2013 mit zwei v\u00f6llig neuen Strophen. Dazu gab es in Oslo \u00fcberraschende Coverversionen von Randy Newmans \u201eLouisiana 1927\u201c und Guy Clarks \u201eDublin Blues\u201c. Und erstmals seit 2005 spielte Dylan in Oslo auch wieder \u201eCrash on the Levee (Down in the Flood)\u201c. Au\u00dferdem gab es zur \u00dcberraschung aller einen neuen Gitarristen, dessen Namen man erst am Tag darauf in den sozialen Medien zu lesen bekam: Mike Seal an der elektrischen Gitarre.<\/p>\n<p>Ob das alles auch in D\u00fcsseldorf zu erleben sein w\u00fcrde, ist wie alles bei Dylan ungewiss. Mit 19 Songs fing er in Oslo an, schon tags darauf waren es nur noch 18 und an den drei Konzertabenden zuvor in Horsens (Denmark), Flensburg und Bremen (Germany) war das Set jeweils auf 17 Songs zusammengeschrumpft.<\/p>\n<p>Ob er in D\u00fcsseldorf sein knapp 90 min\u00fctiges Set mit \u201eWatching The River Flow\u201c und \u201eLove Sick\u201c beginnen w\u00fcrde, wie er es zwei Tage zuvor in Bremen tat? Ob er mit \u201eTo Be Alone With You\u201c und danach eben mit irgendetwas weitermachen w\u00fcrde oder ob er halt irgendetwas ganz anders machen w\u00fcrde, bis er seinen Flow findet, waren alles Fragen, die man schlie\u00dflich erst mit den ersten Kl\u00e4ngen des ersten Songs beantwortet bekommt, sofern man \u00fcberhaupt solche Fragen stellt oder nach solchen Antworten sucht. Das Gros des Publikums, will eh nur den \u2013 mittlerweile 85 j\u00e4hrigen &#8211; \u201eMeister\u201c vielleicht dann doch noch ein letztes Mal live erleben, egal, was er da spielt.<\/p>\n<p>Und das war dann wohl auch der Grund, warum die aufgrund eines Sponsorenwechsels seit 2011 nunmehr von einst \u201ePhilips-Halle\u201c in \u201eMitsubishi Electric Halle\u201c umetikettierte Konzert-Location mit etwa 4000 Zuschauern zu etwa 95 % ausverkauft war.<\/p>\n<p>Die meisten davon standen wie ich auch, zuvor entweder im Stau oder im Regen. Dieses Mal ben\u00f6tigte ich f\u00fcr die 312 Kilometer von meinem Zuhause im S\u00fcdwesten bis D\u00fcsseldorf \u00fcber f\u00fcnf Stunden. Gegen 19.30 bekam ich tats\u00e4chlich noch einen der wenigen letzten offiziellen Parkpl\u00e4tze vor der Halle. Kaum angekommen, gab es Starkregen. Sozialisierung mit \u00fcber die Jahre liebgewonnenen Dylanologen\/ innen und Dylanianer- und innen wurde verk\u00fcrzt und nach drinnen verlegt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/leonardcohen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/20261027_215718-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-35297\" src=\"http:\/\/leonardcohen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/20261027_215718-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auch der Gang zum Merch-Stand fand verk\u00fcrzt statt. Das rechtzeitige Einnehmen des Platzes hat immer Vorrang. Punkt 20.00 Uhr ging das Licht aus? Nein! Ging es nicht! Es blieb an! Ich habe noch nie ein so hell erleuchtetes Dylan-Konzert erlebt. Ja, vor 30 Jahren wurde hin und wieder die Zugabe bei Saallicht gespielt. Heutzutage gibt es kaum Zugaben und alles ist zumeist Dunkel, vom zarten Licht der Smartphone-Displays ganz zu schweigen. Die gibt es wegen dem Smartphone-Verbot auch schon lange (seit 2021) nicht mehr. Ich wei\u00df nicht, wie es bei den vorangegangenen Konzerten war und wie es bei den noch folgenden sein wird: Aber in D\u00fcsseldorf wurde das Saallicht nur leicht gedimmt. Gef\u00fchlt war es f\u00fcr Dylan-Verh\u00e4ltnisse taghell. Punkt 20.00 Uhr ging also nicht das Saallicht aus. Von rechts erklomm Dylans Band die B\u00fchne, links schlich sich ein Mann mit Hoodie hinter sein Keyboard. Ja, der Mann mit schwarzen Schuhen, schwarzer Hose und schwarzem Hoodie, von dem h\u00f6chsten die vorderen Reihen mal eine Nasenspitze aus dem Hoodie ragen sahen, soll Bob Dylan sein? Er ist es, was man bei den ersten Zeilen vom Opener \u201eWatching The River Flow\u201c nachweislich zu h\u00f6ren bekommt.<\/p>\n<p>Der B\u00fchnenboden ist hellgrau. Farbwechsel im B\u00fchnenhintergrund gibt es wie auf der \u201eRARW\u201c-Tour nicht mehr. Der B\u00fchnenvorhang bleibt vom hinteren Boden aus angestrahlt in einem dezentem Kobaltblau eingetaucht. Links auf der B\u00fchne steht Joel Paterson, rechts au\u00dfen der im Oktober 2026 neu zur Tour gesto\u00dfene \u201eMystery-Gitarrist\u201c Mike Seal. In der Mitte der B\u00fchne sitzt oder steht Bob Dylan an seinem Keyboard, w\u00e4hrend Bassist Tony Garnier und Schlagzeuger Anton Fig (aus Dylans Perspektive links) die Rhythmussektion im Hintergrund bilden.<\/p>\n<p>Dylan beweist an diesem Abend in D\u00fcsseldorf 2026 einmal mehr, dass sein umfangreicher Liedkatalog f\u00fcr ihn kein abgeschlossenes Kapitel ist. Er bildet vielmehr ein musikalisches Reservoir, aus dem er immer neue Ausdrucksformen entwickelt. Er gibt alten Liedern neue Perspektiven und bedient sich in D\u00fcsseldorf Lieder aus sieben Jahrzehnten k\u00fcnstlerischen Schaffens, wenn er einen Zeitbogen von 1964 (\u201eIt Aint Me, Baby\u201c) bis 2020 (vier \u201eRough And Rowdy Ways\u201c-Songs) schl\u00e4gt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/leonardcohen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/20261027_213912-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-35299\" src=\"http:\/\/leonardcohen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/20261027_213912-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bob Dylan hat nie sonderlich viel Interesse daran gezeigt, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Das gilt f\u00fcr seine Karriere ebenso wie f\u00fcr seine Konzerte. Wer seine bekanntesten Songs in jenen Fassungen h\u00f6ren m\u00f6chte, die vor Jahrzehnten auf Schallplatte erschienen, wird bei ihm nicht unbedingt f\u00fcndig. Doch gerade diese Unberechenbarkeit ist l\u00e4ngst zu einem wesentlichen Bestandteil seiner k\u00fcnstlerischen Identit\u00e4t geworden.<\/p>\n<p>Auch das D\u00fcsseldorfer Konzert im Rahmen seiner \u201eLights of Autumn\u201c-Tour folgte dieser Philosophie. Gemeinsam mit seiner vierk\u00f6pfigen Band pr\u00e4sentierte Dylan 18 Songs aus unterschiedlichen Phasen seines Schaffens.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/leonardcohen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/20261027_2144280-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-35300\" src=\"http:\/\/leonardcohen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/20261027_2144280-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein solcher zeitlicher Bogen k\u00f6nnte leicht zu einem R\u00fcckblick auf die eigene Karriere geraten. Dylan jedoch verzichtet darauf, seine Vergangenheit in chronologischer Ordnung auszustellen. Stattdessen bringt er St\u00fccke unterschiedlicher Entstehungszeiten in einen gemeinsamen musikalischen Zusammenhang. Blues, Country, Jazz und Elemente traditioneller amerikanischer Unterhaltungsmusik bilden dabei das stilistische Fundament. Von den neun der zehn Songs aus dem letzten Album \u201eRough and Rowdy Ways\u201c, die er seit 2021 bis 2025 regelm\u00e4\u00dfig live darbot, sind \u201ein concert\u201c nur noch vier \u00fcbriggeblieben. Daf\u00fcr spielte an diesem Abend vor allem ein Album eine bemerkenswerte Rolle: \u201eTime Out of Mind\u201c aus dem Jahr 1997.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt stehen dabei weniger die Wiedererkennbarkeit einzelner Melodien als die Frage, was sich mit diesen Songs heute noch anfangen l\u00e4sst. Nicht jedes St\u00fcck wird dabei grundlegend ver\u00e4ndert, doch viele erhalten durch neue Tempi (\u201eTrying To Get To Heaven\u201c) , Instrumentierungen (\u201eEarly Roman Kings\u201c) \u00a0oder eine andere gesangliche Phrasierung (\u201eWhen I Paint My Masterpiece\u201c) eine eigenst\u00e4ndige Gestalt. Die vierk\u00f6pfige Band-Besetzung mit zwei Gitarristen, einem Schlagzeuger und einem Bassisten erm\u00f6glicht Arrangements, die sich zwischen traditionellen Bluesmustern, zur\u00fcckhaltenden Balladen und rhythmisch akzentuierten Passagen bewegen.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig war wie gesagt die starke Pr\u00e4senz des Albums \u201eTime Out of Mind\u201c. Mit \u201eLove Sick\u201c, \u201eTryin&#8216; to Get to Heaven\u201c, \u201eNot Dark Yet\u201c und \u201eMillion Miles\u201c standen gleich vier seiner Kompositionen auf dem Programm. Als das Album 1997 erschien, wurde es weithin als bedeutender neuer Abschnitt in Dylans Karriere wahrgenommen. Die Texte kreisen h\u00e4ufig um Einsamkeit, entt\u00e4uschte Hoffnungen, Verg\u00e4nglichkeit und die Suche nach Orientierung. Produzent Daniel Lanois hatte diesen Liedern damals eine dichte, atmosph\u00e4rische Klanggestaltung verliehen. Fast drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter n\u00e4hert sich Dylan 2026 in D\u00fcsseldorf diesem Material noch einmal aus einer anderen Lebensphase. Die Songs bleiben dieselben, doch die Pers\u00f6nlichkeit, die sie interpretiert, hat weitere Jahrzehnte an Erfahrungen gesammelt. Das verleiht insbesondere den nachdenklichen Kompositionen eine zus\u00e4tzliche Ebene. Wo einst ein K\u00fcnstler Ende f\u00fcnfzig \u00fcber Verlust, Zeit und Endlichkeit nachdachte, singt nun ein 85-J\u00e4hriger dieselben Worte. Die biografische Distanz zwischen Entstehung und heutiger Interpretation geh\u00f6rt unweigerlich zum H\u00f6rerlebnis. Viele im Publikum scheinen das \u00e4hnlich zu empfinden. Es gibt oft Szenen-Applaus.<\/p>\n<p>Am deutlichsten zeigte sich das bei \u201eNot Dark Yet\u201c. Das Ber\u00fccksichtigen dieses Songs f\u00fchrte wohl dazu, dass \u201eGirl From\u00a0 The North Country\u201c wie tags zuvor in Bremen nicht gespielt wurde.\u00a0 Sieben Jahre lang hatte Dylan \u201eNot Dark Yet\u201c nicht mehr auf einer Konzertb\u00fchne gespielt. In D\u00fcsseldorf nahm er das Lied erstmals seit November 2019 wieder in sein Programm auf, aber es klang v\u00f6llig anders als man es in Erinnerung hatte. Langsam, schwer und sp\u00fcrbar melancholisch klang es 1997. 2026 in D\u00fcsseldorf wurde es zu einer k\u00fcrzeren, rhythmisch beweglicheren Version. Sogar ein zarter Reggae-Klang nimmt der Musik etwas von ihrer urspr\u00fcnglichen Schwere. Die D\u00fcsterkeit der Worte von 1997 bleibt, deren Wirkung hat sich 2026 ver\u00e4ndert. Noch bemerkenswerter war allerdings, dass Dylan den Song nicht einfach in seiner vertrauten musikalischen Gestalt wieder aufgriff. Das Arrangement erhielt eine neue rhythmische Ausrichtung und entfernte sich damit deutlich von der getragenen Atmosph\u00e4re der Studioaufnahme. \u201eNot Dark Yet\u201c besch\u00e4ftigt sich mit der Erfahrung, dass Zeit und Lebenskr\u00e4fte nicht unbegrenzt zur Verf\u00fcgung stehen. Im Alter seines Interpreten dr\u00e4ngt sich eine biografische Lesart beinahe auf. Doch Dylan scheint gerade diese naheliegende Deutung nicht ungebrochen best\u00e4tigen zu wollen, zu dem wirkt er an diesem Abend sehr aufger\u00e4umt und durchaus stabil.<\/p>\n<p>Die Musik aber ver\u00e4ndert den Blick auf den Text. Was urspr\u00fcnglich vor allem als Ausdruck tiefer Ersch\u00f6pfung erschien, gewinnt in der neuen Fassung eine andere Bewegung. Die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit bleibt aber auch bei \u201eBlack Rider\u201c bestehen, wird aber nicht ausschlie\u00dflich von Schwermut bestimmt.<\/p>\n<p>Neben den vier St\u00fccken aus \u201eTime Out of Mind\u201c bildeten Songs aus \u201eRough and Rowdy Ways\u201c einen weiteren Schwerpunkt: \u201eCrossing the Rubicon\u201c, \u201eBlack Rider\u201c, \u201eI&#8217;ve Made Up My Mind to Give Myself to You\u201c und \u201eGoodbye Jimmy Reed\u201c standen f\u00fcr eine Schaffensphase, in der Dylan amerikanische Musiktraditionen zunehmend mit erz\u00e4hlerischen, philosophischen und historischen Motiven verbindet.<\/p>\n<p>Auch das 2012 erschienene Album \u201eTempest\u201c war mit \u201eEarly Roman Kings\u201c und \u201eSoon After Midnight\u201c vertreten.<\/p>\n<p>Dazwischen fanden sich \u00e4ltere Kompositionen wie \u201eTangled Up in Blue\u201c, \u201eWhen I Paint My Masterpiece\u201c und \u201eUnder the Red Sky\u201c. Ganz Ehrlich? Ob es sich bei der (neuen) \u201eTangled Up in Blue\u201c-Version in D\u00fcsseldorf um die mit den zwei neuen Strophen handelt, die er in Oslo gespielt hatte, hab ich nicht herausgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Mit \u201eI Can Tell\u201c und die von Don Robertson geschriebene Ballade \u201eCan&#8217;t Seem to Say Goodbye\u201c, die unter anderem durch Jerry Lee Lewis bekannt wurde, offerierte Dylan zudem noch zwei Fremdkompositionen.<\/p>\n<p>Mit einem geradezu hymnischen Ruhe entstehen lassenden \u201eI&#8217;ve Made Up My Mind to Give Myself to You\u201c als drittletzter Song\u00a0 nach \u201eUnder The Red Sky\u201d gibt es noch eine der sch\u00f6nsten Balladen des \u201eRough and Rowdy Ways\u201d-Albums.<\/p>\n<p>Danach bringt das rock`n`roll-hafte \u00a0\u201eGoodbye Jimmy Reed\u201c noch einmal Bewegung in die Halle. Soviel zu den 18 gespielten Songs. Bemerkenswert ist bis dahin aber auch, welche Songs nicht gespielt wurden. Die ber\u00fchmten Titel, mit denen Dylan in den Sechzigerjahren zu einer pr\u00e4genden Figur der Popkultur wurde, fehlten vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Und ja, auch 2026 und in D\u00fcsseldorf galt wieder das Smartphone-Verbot, das Konzertbesucher stets zwiesp\u00e4ltig diskutieren. Die einen m\u00f6gen es, weil es die Konzentration auf das unmittelbare Konzertgeschehen unterst\u00fctzt, die anderen hassen es einfach nur und empfinden es als Eingriff in die Privatsph\u00e4re.<\/p>\n<p>Mit \u201eEvery Grain of Sand\u201c aus dem Album \u201eShot of Love\u201c von 1981 endete das Konzert.<\/p>\n<p>Die Wahl dieses St\u00fccks f\u00fcgte sich auf besondere Weise in die thematische Grundstimmung des Abends ein. Dylan besch\u00e4ftigt sich darin mit menschlicher Fehlbarkeit, spiritueller Orientierung und dem Verh\u00e4ltnis zwischen pers\u00f6nlicher Erfahrung und einer gr\u00f6\u00dferen Ordnung. Das Lied entstand in einer Phase, in der religi\u00f6se Fragen sein Schaffen besonders stark bestimmten. Doch seine Gedanken \u00fcber Zweifel, Verantwortung und Sinnsuche reichen weit \u00fcber einen bestimmten weltanschaulichen Zusammenhang hinaus. Als letztes St\u00fcck eines Konzerts, dessen Programm sich immer wieder mit Verg\u00e4nglichkeit, Erinnerung und menschlicher Verletzlichkeit auseinandersetzte, besitzt \u201eEvery Grain of Sand\u201c eine besondere dramaturgische Wirkung. Mit dem abschlie\u00dfenden Einsatz seiner Mundharmonika verband Dylan diesen sp\u00e4ten Konzertmoment noch einmal mit jenem Klang, der seit den Anf\u00e4ngen seiner Karriere zu seinen musikalischen Erkennungszeichen geh\u00f6rt. Das Lebenswerk Bob Dylan war im Jahre 2026 auch in D\u00fcsseldorf wieder in Bewegung. Mit dem Besuch eines Bob Dylan-Konzertes begibt man sich nicht auf eine Reise in die Vergangenheit, sondern holt die Vergangenheit in die Gegenwart. Bob Dylan l\u00e4sst seine Songs mit sich \u00e4lter werden \u2013 und gibt ihnen dabei immer wieder ein anderes Gesicht. Bei Bob Dylan herrscht die Leichtigkeit der Best\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p>Am Schluss stellt sich Dylan dann noch f\u00fcr knapp eine halbe\u00a0 Minute dem Standing Ovation gebenden Publikum und winkt ihm unter dem Hoody sogar mit beiden Armen zu. Ich wei\u00df bis heute noch nicht, ob ich Dylan mit 85 unterm Hoody recht l\u00e4cherlich aussehend empfinde oder einfach nur \u201esau cool\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dusseldorf, Germany Mitsubishi Electric Hall October 27, 2026 Review by Christof Graf &#8211; Photos by Christof Graf Die Leichtigkeit der Best\u00e4ndigkeit. F\u00fcr die einen und dabei wohl auch f\u00fcr die meisten, ist das erste Konzert eines neuen Tourneeabschnitts von Bob Dylan zugleich auch das letzte dieser Tournee, weil sie eben nur ein einziges Konzert besuchen. 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