photo: credits: christof : graf
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photos: Christof Graf
Review by Christof Graf
Düsseldorf – Luxembourg. Diese Dylan-Tournee-Strecke gab es für mich schon einmal vor zwei Jahren. Damals spielte Dylan am 27. Oktober 2024 in Düsseldorf und tags darauf in Luxemburg. Zwei Zahre später, fast zur gleichen Zeit heißt es für mich wieder: „First We Take Dusseldorf, then we take Luxembourg“. Die 2026 dazwischen liegende Station „Antwerpen“ hatte ich mir gespart.
Sechs Mal trat Bob Dylan bisher in Luxemburg auf. Sechs Mal habe ich ihn seit 1993 bisher in meinem Nachbarland erlebt. Am häufigsten war er dabei in der berühmten Rockhal in Esch-sur-Alzette, in der „Avenue Du Rock`n`Roll“ zu Gast, dort wo er seit 2011, 2013, 2017 und 2024 schon vier Mal aufgetreten war. Einmal schaffte er es 1996 in das kleine Differdange. Und das erste Mal trat Dylan im luxemburgischen Herzogtum in Pétange am 21. Februar 1993 auf. Erinnerungen dieser Art hörte man unter den älteren Besuchern gestern vor und nach dem Konzert in der fast ausverkauften bestuhlten Rockhal oft.
2026 tritt Dylan also zum siebten Mal im Großherzogtum Luxemburg und zum fünften Mal in der Rockhal auf. Am Industrie-Design der kalt und nüchtern und innen wie außen wie eine riesengroße Lagerhalle wirkenden Location hat sich in all den Jahren nichts verändert. An der Performance von Dylan veränderte sich von Tourstop zu Tourstop immer wieder etwas, so auch beim 69. Konzert im Jahre 2026.
Das Konzert-Format
Es blieb bei den mittlerweile als Konzertformat etablierten 18 Songs. „Crossing the Rubicorn“, wie an den Vorabenden gespielt wurde auf der Setlist gestrichen. Dafür gab es als fünften Song „High Water (For Charley Patton)“.
Das Licht-Konzept
Irgendwie schienen alle darauf zu warten, dass das Licht ausgeht. Ging es aber nicht. In Düsseldorf dachte ich lange, die haben es nur vergessen, auszumachen. In Luxembourg erkennte ich schnell: das ist Bobs neues „Licht-Konzept“. Irgendwer muss ihm gesagt haben: „Hey Bob, wenn Du schon schwarze Schuhe, Hose und Hoody hinter deinem schwarzen Klavier oder Keyboards tragen möchtest und wir die Bühne für Dich auch noch in einen dunklen Schatten eintauchen und auch noch das Licht im Saal ausmachen sollen, übertreibst Du das vielleicht mit Deiner gesuchten „Unsichtbarkeit“ ein wenig. – Also lässt man 2026 das Licht an. Nicht grell, aber ungewöhnlich hell für ein Rockkonzert. Schwarze Schuhe, Hose und Hoody hinter einem schwarzen Keyboard sind geblieben. Die Bühne ist wieder mit Strahlern vom Boden in ein dezentes Weiß-Blau getaut. Dahinter hängt ein Theatervorhang in Falten herunter. Daran wird an den knapp 90 Minuten nichts geändert.
Die Show
Eine „Show“ gibt es bei Dylan nicht. Gab es noch nie. Er ist einfach da. Und danach geht er einfach wieder. Pünktlich um 20.00 erscheinen die vier Musiker von rechts, fast wie aus dem „Nichts“ auf der Bühne und beginnen mit „Watching The River Flow“. Einen Moment später schreitet Bob Dylan von links hinzu, stellt sich an sein Keyboard und klinkt sich in den Song ein. An dieser Art der Performanz ändert sich in den knapp 90 Minuten quasi nichts. Bei den ruhigeren Tönen setzt er sich an die Keyboards, die meiste Zeit steht er. Beim letzten Song „Every Grain Of Sand“ spielt er am Ende Mundharmonika und die Rockhal applaudiert lautstark. Dann ist Schluß. Er steht auf. Schreitet vor die Keyboards, – übrigens weitaus agiler, als noch im letzten Jahr, muss sich nicht am Flügel festhalten, steht geradezu leichtfüßig vor den Keyboards, winkt kurz ins Publikum und geht wieder. Die Zeit, in der er da war, ist vorbei.
Manche, wohl jene, die ihn vor drei hundert Jahren das letzte Mal live gesehen haben, zeigen sich enttäuscht, weil er an diesem Abend (mal wieder) keinen Beitrag zur nostalgischen Feier mit „Blowin‘ in the Wind“, „Like a Rolling Stone“ oder „Knockin‘ on Heaven’s Door“ leistete. Seine Weigerung, sich auf seine Vergangenheit reduzieren zu lassen, ist (teilweise) noch nicht bei allen angekommen. Nein, er möchte nicht die Jugend seiner Zuhörer musikalisch wieder aufleben lassen. Dylan geht (wie immer) seinen eigenen Weg, den er aktiv weiterschreibt. – Nicht durch gewöhnliche Greatest-Hits-Shows (was er noch nie gemacht hat). Bob Dylan verlangt Aufmerksamkeit, Offenheit und die Bereitschaft, seine Songs immer wieder neu entdecken zu wollen. Er demonstriert: Ein Künstler seiner Güte muss (auch nicht mit 85 Jahren) nicht stehen bleiben, um seinem Lebenswerk treu zu bleiben. Bob Dylan ist nicht auf der Bühne, um seine Vergangenheit zu feiern. Er steht auf der Bühne, weil seine musikalische Reise (noch immer) nicht zu Ende ist, egal, ob sie von den einen „Never Ending Tour“ oder von anderen „Rough And Rowdy Ways-Tour“ genannt wird und 2026 „Lights Of Autumn-Tour 2026“ oder einfach nur „Europe/ UK Tour 2026“ etikettiert wird. Dylan beweist, dass künstlerische Kreativität keine Altersgrenze kennt, auch wenn er nicht „The Times They Are`A`Changin“ oder „Things Have Changed“ in Luxembourg singt.
„High Water“ in Luxembourg
Dylan in Luxembourg 2026 bleibt offen für Veränderungen und Überraschungen. Dylan präsentiert als fünfter Song „High Water (For Charley Patton)“, den Dylan erstmals seit 2018 wieder live gespielt hat. Das Stück aus seinem Album „Love and Theft“ von 2001 ist eine eindringliche Hommage an den frühen amerikanischen Blues.
Die Songs
Alle Songs tauchen in den Spätblues, reduzierten Folk, manchmal sogar in den Reggae („Not Dark Yet“ und „Love Sick“) und minimalistischen Jazz ein. Dylan agiert dabei primär am Keyboard, getragen von einer exzellenten, rein akustisch und dezent elektrisch besetzten Band (mit Tony Garnier (bg) und Anton Fig (dr), Joel Paterson und Mike Seal an den Gitarren), die wie ein perfekt eingespieltes Jazz-Combo-Kollektiv agiert.
Mit „Watching the River Flow“ eröffnete Dylan den Abend. Der Song von 1971 ist ein passender Einstieg für einen Musiker, dessen Karriere seit über 60 Jahren von ständiger Veränderung geprägt ist. Der Fluss wird zum Sinnbild eines Lebens, das unaufhaltsam weiterzieht. Musikalisch ist das Stück auch an diesem Abend tief im Blues verwurzelt.
An zweiter Stelle folgte „Love Sick“ aus dem 1997 erschienenen Album „Time Out of Mind“. Der Song gehört zu den düstersten Liebesliedern seines Repertoires und versetzt die Rockhal in eine Art mystischen Ort, an dem man einer Andacht beiwohnt.
Mit „It Ain’t Me, Babe“ geht Dylan zurück in das Jahr 1964, offeriert aber (wieder einmal) eine Version, die man musikalisch nicht sofort als das Original identifiziert.
Anschließend stand „Tryin‘ to Get to Heaven“ auf dem Programm, ebenfalls aus “Time Out of Mind”. Wieder ein Song über das Unterwegssein, die Suche nach Erlösung und die Endlichkeit menschlicher Existenz. Das Publikum ist andächtig still und denkt in diesen Momenten wohl auch über die eigene Vergänglichkeit nach.
Dann folgt die Überraschung des Abends mit „High Water (For Charley Patton)“, als „Geschenk an Luxembourg“ und völlig neu auf der bisherigen Songliste.
Mit „I Can Tell“, einem Song aus dem Repertoire von Bo Diddley, erweist Dylan dem frühen Rock ’n’ Roll seine Reverenz.
Danach folgt der erste „RARW“-Song mit „Black Rider“ aus dem 2020 veröffentlichten Album „Rough and Rowdy Ways“. Die rätselhafte Komposition mit dem geheimnisvollen schwarzen Reiter wirkt wie ein musikalisches Kammerspiel, in dem Andeutungen wichtiger sind als eindeutige Antworten. Die Andacht in Luxembourg geht immer tiefer.
Mit „Tangled Up in Blue“ beweist Dylan einmal mehr: Für ihn scheint ein Lied niemals endgültig abgeschlossen zu sein. Text, Melodie und Arrangement klingen in Luxembourg anders, erfrischend. Er ist einer jener vier Songs, bei denen Tony Garnier vom E-Bass zum Stand-Up-Bass greift. Und das ist immer dann der Fall, wenn die Songs, wie „Spoken Words“ klingen.
„When I Paint My Masterpiece“ brachte anschließend eine andere Facette Dylans zum Vorschein: den ironischen, von Fernweh und künstlerischer Sehnsucht geprägten Erzähler.
Zu den emotional gewichtigsten Momenten der Liedauswahl gehörte „Not Dark Yet“. Der Song aus „Time Out of Mind“ zählt zu Dylans eindringlichsten Meditationen über Müdigkeit, Einsamkeit und Sterblichkeit. Das Lied mit leicht reggae-hafter Anmutung war erst wenige Tage zuvor, am 27. Oktober in Düsseldorf, erstmals seit 2019 wieder auf seiner Konzert-Setlist erschienen. Dylans raue und in Luxembourg stets präsente und klare Stimme verstärkte die Stimmung des Songs.
Der anschließende Song „I Can’t Seem to Say Goodbye“, bekannt aus dem Repertoire von Jerry Lee Lewis, knüpft thematisch an den Vorgänger-Song an. Es ist ein Lied über Abschied, Trauer und das Unvermögen, einen geliebten Menschen endgültig loszulassen. Eine gefühlvolle, nostalgische Ballade aus der Tradition des frühen amerikanischen Pop und Country. Dylans sanftes Keyboardspiel und die schlichte Melodieführung verleihen dem Lied eine wehmütige, beinahe zerbrechliche Stimmung. Tony Garnier griff wieder zum Stand Up-Bass.
Mit „Early Roman Kings“ folgt ein erdiger, stampfender Blues mit markantem Rhythmus.
„Soon After Midnight“ ist eine sanft schwingende, melodische Ballade, die musikalisch an amerikanische Liebeslieder der 1950er-Jahre erinnert. Schön ist der Kontrast der verträumten Melodie zu Dylans knorriger aber klaren Stimme.
Bei „Million Miles“ greift Garnier wieder zum Stand Up-Bass. Ein schwerfälliger, hypnotischer Blues mit langsam pulsierendem Rhythmus und dunklen musikalischen Farben.
„Under the Red Sky“ klingt fast wie ein Kinderlied mit seiner eingängigen wie einfachen Melodie:
Erneute Stand Up-Bass-Zeit bei Tony Garnier bei “I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You”, eine zärtliche, weit ausschwingende Ballade mit sanftem Rhythmus und einer Melodie, die auch wieder an klassische amerikanische Liebeslieder erinnert. Die zurückhaltende Instrumentierung schafft eine warme, intime Atmosphäre, in der Dylans brüchige Stimme besonders eindringlich wirkt.
Treibender, schnörkelloser Bluesrock gibt es bei „Goodbye Jimmy Reed“, der mit seinem federnden Rhythmus und den markanten musikalischen Akzenten an den elektrischen Chicago-Blues erinnert. Eine gelungene Hommage an den Bluesmusiker Jimmy Reed.
„Every Grain of Sand“ ist eine ruhige, tief berührende Ballade mit gospelartigen Anklängen, einer schlichten, eleganten Melodie und einem getragenen musikalischen Fluss. Das Zusammenspiel von Keyboard und Dylans Mundharmonika verleiht dem Stück eine besonders innige, spirituelle Atmosphäre und macht es zu einem stimmungsvollen Konzertabschluss. Kaum ein anderes Lied hätte sich als Schlusspunkt besser geeignet.
Im Zusammenhang mit dem Luxemburger Programm erhält das Lied eine besondere Bedeutung. Nach den düsteren Betrachtungen von „Not Dark Yet“, den Bildern von Tod und Bedrohung in „Black Rider“ und der sehnsuchtsvollen Hingabe von „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“ führt „Every Grain of Sand“ zu einer ruhigeren, spirituellen Perspektive. Es wirkt wie der letzte Gedanke einer langen musikalischen Reise.
Vergänglichkeit der Zeit findet bei Bob Dylan 2026 nicht statt. Seine Songs werden an nächste Generationen weitergegeben, egal, wie sie klingen oder welche Worte, Zeilen oder Verse er verändert, ergänzt oder weglässt. Danke Bob Dylan dafür und Danke auch an meine Tochter, die mich zumLuxemburger Konzert begleitete.
Chronologie der Luxemburger Konzerte von Bob Dylan:
Dusseldorf, Germany
Mitsubishi Electric Hall
October 27, 2026
Review by Christof Graf – Photos by Christof Graf
Die Leichtigkeit der Beständigkeit. Für die einen und dabei wohl auch für die meisten, ist das erste Konzert eines neuen Tourneeabschnitts von Bob Dylan zugleich auch das letzte dieser Tournee, weil sie eben nur ein einziges Konzert besuchen. Für andere ist vielleicht irgendein anderes oder aber auch das letzte Konzert eines Tourneeabschnitts das erste und zugleich das letzte. Andere besuchen gar mehrere Konzerte und können Konzerte vergleichen. Egal, zu welcher Besuchergruppe man gehört, man hat zumeist die Hoffnung, dass auch bei dem Konzert, das man gerade besucht, jene Lieder zu hören sind, auf die man sich besonders freut oder jene besonderen Lieder und Interpretationen zu hören sind, die z.B. schon vorab für Diskussionen in den sozialen Medien gesorgt haben. Mein Tourneeeinstieg 2026 war in Düsseldorf. Ein wenig war ich auf jene neidisch, die Dylan schon beim Tourneeauftakt seiner nun nicht mehr „Rough And Rowdy Ways Tour“, sondern „Lights of Autumn“-Tour betitelten Konzertreihe in Oslo/ Norwegen erleben konnten. Dort präsentierte Dylan eine radikal abgespeckte Version des „Tangeld Up In Blue“-Klassikers von 1975 – mit zwei völlig neuen Strophen. Dazu gab es in Oslo überraschende Coverversionen von Randy Newmans „Louisiana 1927“ und Guy Clarks „Dublin Blues“. Und erstmals seit 2005 spielte Dylan in Oslo auch wieder „Crash on the Levee (Down in the Flood)“. Außerdem gab es zur Überraschung aller einen neuen Gitarristen, dessen Namen man erst am Tag darauf in den sozialen Medien zu lesen bekam: Mike Seal an der elektrischen Gitarre.
Ob das alles auch in Düsseldorf zu erleben sein würde, ist wie alles bei Dylan ungewiss. Mit 19 Songs fing er in Oslo an, schon tags darauf waren es nur noch 18 und an den drei Konzertabenden zuvor in Horsens (Denmark), Flensburg und Bremen (Germany) war das Set jeweils auf 17 Songs zusammengeschrumpft.
Ob er in Düsseldorf sein knapp 90 minütiges Set mit „Watching The River Flow“ und „Love Sick“ beginnen würde, wie er es zwei Tage zuvor in Bremen tat? Ob er mit „To Be Alone With You“ und danach eben mit irgendetwas weitermachen würde oder ob er halt irgendetwas ganz anders machen würde, bis er seinen Flow findet, waren alles Fragen, die man schließlich erst mit den ersten Klängen des ersten Songs beantwortet bekommt, sofern man überhaupt solche Fragen stellt oder nach solchen Antworten sucht. Das Gros des Publikums, will eh nur den – mittlerweile 85 jährigen – „Meister“ vielleicht dann doch noch ein letztes Mal live erleben, egal, was er da spielt.
Und das war dann wohl auch der Grund, warum die aufgrund eines Sponsorenwechsels seit 2011 nunmehr von einst „Philips-Halle“ in „Mitsubishi Electric Halle“ umetikettierte Konzert-Location mit etwa 4000 Zuschauern zu etwa 95 % ausverkauft war.
Die meisten davon standen wie ich auch, zuvor entweder im Stau oder im Regen. Dieses Mal benötigte ich für die 312 Kilometer von meinem Zuhause im Südwesten bis Düsseldorf über fünf Stunden. Gegen 19.30 bekam ich tatsächlich noch einen der wenigen letzten offiziellen Parkplätze vor der Halle. Kaum angekommen, gab es Starkregen. Sozialisierung mit über die Jahre liebgewonnenen Dylanologen/ innen und Dylanianer- und innen wurde verkürzt und nach drinnen verlegt.
Auch der Gang zum Merch-Stand fand verkürzt statt. Das rechtzeitige Einnehmen des Platzes hat immer Vorrang. Punkt 20.00 Uhr ging das Licht aus? Nein! Ging es nicht! Es blieb an! Ich habe noch nie ein so hell erleuchtetes Dylan-Konzert erlebt. Ja, vor 30 Jahren wurde hin und wieder die Zugabe bei Saallicht gespielt. Heutzutage gibt es kaum Zugaben und alles ist zumeist Dunkel, vom zarten Licht der Smartphone-Displays ganz zu schweigen. Die gibt es wegen dem Smartphone-Verbot auch schon lange (seit 2021) nicht mehr. Ich weiß nicht, wie es bei den vorangegangenen Konzerten war und wie es bei den noch folgenden sein wird: Aber in Düsseldorf wurde das Saallicht nur leicht gedimmt. Gefühlt war es für Dylan-Verhältnisse taghell. Punkt 20.00 Uhr ging also nicht das Saallicht aus. Von rechts erklomm Dylans Band die Bühne, links schlich sich ein Mann mit Hoodie hinter sein Keyboard. Ja, der Mann mit schwarzen Schuhen, schwarzer Hose und schwarzem Hoodie, von dem höchsten die vorderen Reihen mal eine Nasenspitze aus dem Hoodie ragen sahen, soll Bob Dylan sein? Er ist es, was man bei den ersten Zeilen vom Opener „Watching The River Flow“ nachweislich zu hören bekommt.
Der Bühnenboden ist hellgrau. Farbwechsel im Bühnenhintergrund gibt es wie auf der „RARW“-Tour nicht mehr. Der Bühnenvorhang bleibt vom hinteren Boden aus angestrahlt in einem dezentem Kobaltblau eingetaucht. Links auf der Bühne steht Joel Paterson, rechts außen der im Oktober 2026 neu zur Tour gestoßene „Mystery-Gitarrist“ Mike Seal. In der Mitte der Bühne sitzt oder steht Bob Dylan an seinem Keyboard, während Bassist Tony Garnier und Schlagzeuger Anton Fig (aus Dylans Perspektive links) die Rhythmussektion im Hintergrund bilden.
Dylan beweist an diesem Abend in Düsseldorf 2026 einmal mehr, dass sein umfangreicher Liedkatalog für ihn kein abgeschlossenes Kapitel ist. Er bildet vielmehr ein musikalisches Reservoir, aus dem er immer neue Ausdrucksformen entwickelt. Er gibt alten Liedern neue Perspektiven und bedient sich in Düsseldorf Lieder aus sieben Jahrzehnten künstlerischen Schaffens, wenn er einen Zeitbogen von 1964 („It Aint Me, Baby“) bis 2020 (vier „Rough And Rowdy Ways“-Songs) schlägt.
Bob Dylan hat nie sonderlich viel Interesse daran gezeigt, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Das gilt für seine Karriere ebenso wie für seine Konzerte. Wer seine bekanntesten Songs in jenen Fassungen hören möchte, die vor Jahrzehnten auf Schallplatte erschienen, wird bei ihm nicht unbedingt fündig. Doch gerade diese Unberechenbarkeit ist längst zu einem wesentlichen Bestandteil seiner künstlerischen Identität geworden.
Auch das Düsseldorfer Konzert im Rahmen seiner „Lights of Autumn“-Tour folgte dieser Philosophie. Gemeinsam mit seiner vierköpfigen Band präsentierte Dylan 18 Songs aus unterschiedlichen Phasen seines Schaffens.
Ein solcher zeitlicher Bogen könnte leicht zu einem Rückblick auf die eigene Karriere geraten. Dylan jedoch verzichtet darauf, seine Vergangenheit in chronologischer Ordnung auszustellen. Stattdessen bringt er Stücke unterschiedlicher Entstehungszeiten in einen gemeinsamen musikalischen Zusammenhang. Blues, Country, Jazz und Elemente traditioneller amerikanischer Unterhaltungsmusik bilden dabei das stilistische Fundament. Von den neun der zehn Songs aus dem letzten Album „Rough and Rowdy Ways“, die er seit 2021 bis 2025 regelmäßig live darbot, sind „in concert“ nur noch vier übriggeblieben. Dafür spielte an diesem Abend vor allem ein Album eine bemerkenswerte Rolle: „Time Out of Mind“ aus dem Jahr 1997.
Im Mittelpunkt stehen dabei weniger die Wiedererkennbarkeit einzelner Melodien als die Frage, was sich mit diesen Songs heute noch anfangen lässt. Nicht jedes Stück wird dabei grundlegend verändert, doch viele erhalten durch neue Tempi („Trying To Get To Heaven“) , Instrumentierungen („Early Roman Kings“) oder eine andere gesangliche Phrasierung („When I Paint My Masterpiece“) eine eigenständige Gestalt. Die vierköpfige Band-Besetzung mit zwei Gitarristen, einem Schlagzeuger und einem Bassisten ermöglicht Arrangements, die sich zwischen traditionellen Bluesmustern, zurückhaltenden Balladen und rhythmisch akzentuierten Passagen bewegen.
Auffällig war wie gesagt die starke Präsenz des Albums „Time Out of Mind“. Mit „Love Sick“, „Tryin‘ to Get to Heaven“, „Not Dark Yet“ und „Million Miles“ standen gleich vier seiner Kompositionen auf dem Programm. Als das Album 1997 erschien, wurde es weithin als bedeutender neuer Abschnitt in Dylans Karriere wahrgenommen. Die Texte kreisen häufig um Einsamkeit, enttäuschte Hoffnungen, Vergänglichkeit und die Suche nach Orientierung. Produzent Daniel Lanois hatte diesen Liedern damals eine dichte, atmosphärische Klanggestaltung verliehen. Fast dreißig Jahre später nähert sich Dylan 2026 in Düsseldorf diesem Material noch einmal aus einer anderen Lebensphase. Die Songs bleiben dieselben, doch die Persönlichkeit, die sie interpretiert, hat weitere Jahrzehnte an Erfahrungen gesammelt. Das verleiht insbesondere den nachdenklichen Kompositionen eine zusätzliche Ebene. Wo einst ein Künstler Ende fünfzig über Verlust, Zeit und Endlichkeit nachdachte, singt nun ein 85-Jähriger dieselben Worte. Die biografische Distanz zwischen Entstehung und heutiger Interpretation gehört unweigerlich zum Hörerlebnis. Viele im Publikum scheinen das ähnlich zu empfinden. Es gibt oft Szenen-Applaus.
Am deutlichsten zeigte sich das bei „Not Dark Yet“. Das Berücksichtigen dieses Songs führte wohl dazu, dass „Girl From The North Country“ wie tags zuvor in Bremen nicht gespielt wurde. Sieben Jahre lang hatte Dylan „Not Dark Yet“ nicht mehr auf einer Konzertbühne gespielt. In Düsseldorf nahm er das Lied erstmals seit November 2019 wieder in sein Programm auf, aber es klang völlig anders als man es in Erinnerung hatte. Langsam, schwer und spürbar melancholisch klang es 1997. 2026 in Düsseldorf wurde es zu einer kürzeren, rhythmisch beweglicheren Version. Sogar ein zarter Reggae-Klang nimmt der Musik etwas von ihrer ursprünglichen Schwere. Die Düsterkeit der Worte von 1997 bleibt, deren Wirkung hat sich 2026 verändert. Noch bemerkenswerter war allerdings, dass Dylan den Song nicht einfach in seiner vertrauten musikalischen Gestalt wieder aufgriff. Das Arrangement erhielt eine neue rhythmische Ausrichtung und entfernte sich damit deutlich von der getragenen Atmosphäre der Studioaufnahme. „Not Dark Yet“ beschäftigt sich mit der Erfahrung, dass Zeit und Lebenskräfte nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Im Alter seines Interpreten drängt sich eine biografische Lesart beinahe auf. Doch Dylan scheint gerade diese naheliegende Deutung nicht ungebrochen bestätigen zu wollen, zu dem wirkt er an diesem Abend sehr aufgeräumt und durchaus stabil.
Die Musik aber verändert den Blick auf den Text. Was ursprünglich vor allem als Ausdruck tiefer Erschöpfung erschien, gewinnt in der neuen Fassung eine andere Bewegung. Die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit bleibt aber auch bei „Black Rider“ bestehen, wird aber nicht ausschließlich von Schwermut bestimmt.
Neben den vier Stücken aus „Time Out of Mind“ bildeten Songs aus „Rough and Rowdy Ways“ einen weiteren Schwerpunkt: „Crossing the Rubicon“, „Black Rider“, „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“ und „Goodbye Jimmy Reed“ standen für eine Schaffensphase, in der Dylan amerikanische Musiktraditionen zunehmend mit erzählerischen, philosophischen und historischen Motiven verbindet.
Auch das 2012 erschienene Album „Tempest“ war mit „Early Roman Kings“ und „Soon After Midnight“ vertreten.
Dazwischen fanden sich ältere Kompositionen wie „Tangled Up in Blue“, „When I Paint My Masterpiece“ und „Under the Red Sky“. Ganz Ehrlich? Ob es sich bei der (neuen) „Tangled Up in Blue“-Version in Düsseldorf um die mit den zwei neuen Strophen handelt, die er in Oslo gespielt hatte, hab ich nicht herausgehört.
Mit „I Can Tell“ und die von Don Robertson geschriebene Ballade „Can’t Seem to Say Goodbye“, die unter anderem durch Jerry Lee Lewis bekannt wurde, offerierte Dylan zudem noch zwei Fremdkompositionen.
Mit einem geradezu hymnischen Ruhe entstehen lassenden „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“ als drittletzter Song nach „Under The Red Sky” gibt es noch eine der schönsten Balladen des „Rough and Rowdy Ways”-Albums.
Danach bringt das rock`n`roll-hafte „Goodbye Jimmy Reed“ noch einmal Bewegung in die Halle. Soviel zu den 18 gespielten Songs. Bemerkenswert ist bis dahin aber auch, welche Songs nicht gespielt wurden. Die berühmten Titel, mit denen Dylan in den Sechzigerjahren zu einer prägenden Figur der Popkultur wurde, fehlten vollständig.
Und ja, auch 2026 und in Düsseldorf galt wieder das Smartphone-Verbot, das Konzertbesucher stets zwiespältig diskutieren. Die einen mögen es, weil es die Konzentration auf das unmittelbare Konzertgeschehen unterstützt, die anderen hassen es einfach nur und empfinden es als Eingriff in die Privatsphäre.
Mit „Every Grain of Sand“ aus dem Album „Shot of Love“ von 1981 endete das Konzert.
Die Wahl dieses Stücks fügte sich auf besondere Weise in die thematische Grundstimmung des Abends ein. Dylan beschäftigt sich darin mit menschlicher Fehlbarkeit, spiritueller Orientierung und dem Verhältnis zwischen persönlicher Erfahrung und einer größeren Ordnung. Das Lied entstand in einer Phase, in der religiöse Fragen sein Schaffen besonders stark bestimmten. Doch seine Gedanken über Zweifel, Verantwortung und Sinnsuche reichen weit über einen bestimmten weltanschaulichen Zusammenhang hinaus. Als letztes Stück eines Konzerts, dessen Programm sich immer wieder mit Vergänglichkeit, Erinnerung und menschlicher Verletzlichkeit auseinandersetzte, besitzt „Every Grain of Sand“ eine besondere dramaturgische Wirkung. Mit dem abschließenden Einsatz seiner Mundharmonika verband Dylan diesen späten Konzertmoment noch einmal mit jenem Klang, der seit den Anfängen seiner Karriere zu seinen musikalischen Erkennungszeichen gehört. Das Lebenswerk Bob Dylan war im Jahre 2026 auch in Düsseldorf wieder in Bewegung. Mit dem Besuch eines Bob Dylan-Konzertes begibt man sich nicht auf eine Reise in die Vergangenheit, sondern holt die Vergangenheit in die Gegenwart. Bob Dylan lässt seine Songs mit sich älter werden – und gibt ihnen dabei immer wieder ein anderes Gesicht. Bei Bob Dylan herrscht die Leichtigkeit der Beständigkeit.
Am Schluss stellt sich Dylan dann noch für knapp eine halbe Minute dem Standing Ovation gebenden Publikum und winkt ihm unter dem Hoody sogar mit beiden Armen zu. Ich weiß bis heute noch nicht, ob ich Dylan mit 85 unterm Hoody recht lächerlich aussehend empfinde oder einfach nur „sau cool“.