photos: Christof Graf
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Vol. 12 – Bob Dylan – On The Road – Never Ending Tour 1988 – 2021
Es war einmal in Bangor/ Maine. Bob Dylan war beim dritten Leg von Willie Nelsons „10th Anniversary Outlaw-Festival“ dabei. Die Stadt ist u.a. bekannt dafür, dass man dort Stephen Kings House besichtigen kann, wenn auch nur von außen. Der 5. September 2025 war ein kühler, windiger und teils verregneter Freitag.
Bevor Willie Nelson den Abend als musikalisches Highlight beendete, spielte Dylan ein Set von ca. 75 Minuten und 17 Songs. Das Publikum im fast ausverkauften „Maine Savings Amphitheater“ war von Dylans Auftritt etwas enttäuscht. Warum? Dylan versteckte sich quasi hinter seinem Piano, trug eine Regenjacke, Schal und einen Hoodie. Er stand kaum auf und man hatte kaum eine Chance ihn zu sehen. Hin und wieder erhob er die Hand und winkte kurz ins Publikum. Das Konzert war trotz herbstlicher Temperaturen. Der Opener „Masters Of War“ lies jedoch schnell erkennen: Bob Dylan war musikalisch in guter Stimmung und der Gig wurde zu einem seiner besten auf der 2025er Outlaw – Festival-Tour. Nur zu sehen bekam man ihn so gut wie nicht. Die kleinen leuchtenden Tannenbäumchen auf dem Piano erschwerten zu dem die Sicht auf eine Legende, die sich sichtlich und zunehmend ihrer optischen Wahrnehmung entzieht.
Once upon a time in Bangor, Maine. Bob Dylan was present at the third leg of Willie Nelson’s „10th Anniversary Outlaw Festival“. The city is known for the fact that you can visit Stephen King’s House there, even if only from the outside. September 5, 2025 was a cool, windy and partly rainy Friday.
Before Willie Nelson ended the evening as a musical highlight, Dylan played a set of about 75 minutes and 17 songs. The audience in the almost sold-out „Maine Savings Amphitheater“ was a bit disappointed by Dylan’s performance. Why? Dylan hid behind his piano, wearing a rain jacket, scarf and hoodie. He hardly got up and you hardly had a chance to see him. Every now and then he raised his hand and waved briefly to the audience. The concert was despite autumnal temperatures. However, the opener „Masters Of War“ quickly made it clear: Bob Dylan was musically in a good mood and the gig became one of his best on the 2025 Outlaw festival tour. But you hardly got to see him. The small glowing fir trees on the piano also made it difficult to see a legend that visibly and increasingly eludes its visual perception.
Setlist:
| 1. | Masters Of War (Bob on piano) |
| 2. | I Can Tell (song by Samuel Smith) (Bob on piano) |
| 3. | Forgetful Heart (Bob on piano) |
| 4. | Axe and the Wind (song by George „Wild Child“ Butler) (Bob on piano) |
| 5. | To Ramona (Bob on piano) |
| 6. | Gotta Serve Somebody (Bob on piano) |
| 7. | Under The Red Sky (Bob on piano) |
| 8. | I’ll Make It All Up To You (song by Charlie Rich) (Bob on piano) |
| 9. | All Along The Watchtower (Bob on piano) |
| 10. | ‚Til I Fell In Love With You (Bob on piano) |
| 11. | Desolation Row (Bob on piano) |
| 12. | Love Sick (Bob on piano) |
| 13. | Share Your Love With Me (song by Alfred Braggs and Deadric Malone) (Bob on piano) |
| 14. | Blind Willie McTell (Bob on piano) |
| 15. | Soon After Midnight (Bob on piano) |
| 16. | Highway 61 Revisited (Bob on piano) |
| 17. | Don’t Think Twice, It’s All Right (Bob on piano) |
Band:
Bob Dylan – piano, harp
Tony Garnier – electric and standup bass
Anton Fig – drums
Bob Britt – acoustic guitar, electric guitar
Doug Lancio – acoustic guitar, electric guitar
14. Mai 2016. Alte Oper Frankfurt a.M. Es gibt Tribute-Abende, die funktionieren wie gut geölte Nostalgie-Maschinen. Man hört die großen Hits, sieht ein paar projizierte Fotos, klatscht bei den bekannten Refrains und geht mit dem beruhigenden Gefühl nach Hause, dass die Vergangenheit wenigstens musikalisch noch existiert. Und es gibt Abende wie „HEROES – Alexander Scheer singt David Bowie“ in der Alte Oper Frankfurt, die genau das verweigern. Kein Karaoke der Erinnerung, kein Bowie-Museum, sondern ein zweistündiger Versuch, die innere Temperatur eines Künstlers wiederzufinden, dessen Werk bis heute zwischen Glamour, Abgrund und radikaler Selbstverwandlung oszilliert.
Schon beim Betreten des Großen Saals lag eine eigentümliche Spannung in der Luft. Das Publikum war so heterogen wie Bowies Werk selbst: ältere Fans, die seine Berliner Jahre noch bewusst erlebt haben dürften, Theaterpublikum, Indie-Hörer, neugierige Literaturmenschen. Die Alte Oper erwies sich dabei als idealer Ort für diesen Abend. Anders als die großen Mehrzweckhallen, deren Akustik in Frankfurt oft kritisiert wird, besitzt der Saal jene kontrollierte Wärme, die Musik atmen lässt. Gerade in den leisen Momenten wurde deutlich, wie sehr dieser Raum auf Nuancen reagiert.
Alexander Scheer betrat die Bühne nicht wie ein Rockstar. Eher wie ein Schauspieler, der eine Figur beschwört, ohne sie imitieren zu wollen. Und genau darin lag die größte Stärke des Abends. Scheer versucht zu keinem Zeitpunkt, David Bowie zu kopieren. Er übernimmt weder Gestik noch Stimme, weder die berühmte Distanz noch das kalkulierte Außerirdische. Stattdessen nähert er sich Bowie von innen. Seine Interpretation basiert auf Textverständnis, auf Haltung, auf emotionaler Wucht.
Schon die ersten Songs machten klar, dass hier nicht bloß eine Setlist abgespult wird. Die Band spielte mit rauer Präzision: Fee Aviv Dubois an der Gitarre setzte schneidende, oft fast expressionistische Akzente, während Steve Patutas Keyboards immer wieder jene schimmernden Klangflächen erzeugten, die sofort an Bowies Berliner Phase erinnerten. Rhythmisch blieb alles beweglich; nie steril, nie überarrangiert. Statt bombastischer Originaltreue dominierte ein lebendiger, manchmal bewusst unperfekter Zugriff.
Besonders eindrucksvoll war die dramaturgische Idee des Abends. Grundlage des Programms ist jene legendäre Liste von hundert Büchern, die Bowie selbst einst als prägend für sein Leben bezeichnete. Zwischen den Songs tauchten Texte auf: Fragmente aus Döblin, Dante, Christa Wolf oder Homer. Das hätte leicht prätentiös wirken können. Doch Scheer gelang das Kunststück, diese literarischen Exkurse organisch mit der Musik zu verweben. Plötzlich erschienen Songs wie „Ashes to Ashes“ oder „Heroes“ nicht mehr bloß als Popklassiker, sondern als Teil eines größeren kulturellen Kosmos.
Gerade die Berliner Jahre Bowies standen im Zentrum des Abends. Frankfurt wurde für zwei Stunden zu West-Berlin 1977: eine Stadt der Nachtmenschen, Suchenden, Exzesse und künstlerischen Selbstrettung. Das Bühnenlicht arbeitete viel mit kalten Farben, langen Schatten und abrupten Wechseln zwischen Dunkelheit und gleißender Helligkeit. Manchmal wirkte die Bühne wie ein verlassener Nachtclub kurz vor Morgengrauen.
Der emotionale Höhepunkt kam erwartungsgemäß mit „Heroes“. Doch selbst hier vermied Scheer jede pathetische Überhöhung. Statt hymnischer Stadiongeste entstand etwas Fragiles, fast Zärtliches. Die berühmte Zeile vom Heldsein „für einen Tag“ klang plötzlich nicht triumphal, sondern verzweifelt hoffnungsvoll. Genau darin lag die Größe dieses Moments: Der Song wurde seiner Überverwendung entrissen und bekam seine existenzielle Dringlichkeit zurück.
Überhaupt war dieser Abend erstaunlich körperlich. Scheer sang nicht geschniegelt, sondern mit Risiko. Er presste Töne heraus, brach sie auf, ließ sie kippen. Manchmal klang er verletzlich, manchmal eruptiv aggressiv. Diese Brüchigkeit verlieh den Songs eine enorme Gegenwärtigkeit. Bowie erschien nicht als Denkmal, sondern als Suchender, Getriebener, Grenzgänger.
Beeindruckend war auch, wie souverän Scheer zwischen Konzert, Theater und Performance wechselte. In einem Moment schleuderte er dem Publikum eine Zeile entgegen wie ein Prediger am Rand des Nervenzusammenbruchs, im nächsten saß er still auf einem Hocker und las beinahe flüsternd einen Textauszug. Diese Wechsel erzeugten einen Sog, dem man sich kaum entziehen konnte.
Natürlich gab es auch kleinere Schwächen. Nicht jede literarische Passage fügte sich gleich stark in den musikalischen Fluss ein. Manche Übergänge wirkten etwas didaktisch, und gelegentlich verlor der Abend kurz seine rhythmische Spannung. Doch gerade diese Unebenheiten machten die Aufführung menschlich. Sie verhinderten jene sterile Perfektion, die vielen Tribute-Produktionen eigen ist.
Am Ende stand minutenlanger Applaus. Kein höflicher Kulturbeifall, sondern echte Begeisterung. Viele Zuschauer wirkten, als hätten sie weniger ein Konzert als eine Begegnung erlebt – mit Bowie, aber auch mit den eigenen Erinnerungen, Sehnsüchten und Brüchen.
„HEROES“ in der Alten Oper Frankfurt war deshalb weit mehr als eine Hommage. Alexander Scheer zeigte, dass David Bowie nicht deshalb unsterblich bleibt, weil seine Songs zeitlos wären. Sondern weil sie von Identität, Einsamkeit, Verwandlung und Überleben erzählen – also von all dem, was nie verschwindet. Für einen Abend wurde daraus großes Musiktheater: intensiv, klug, dunkel leuchtend.