KW-44-2025: „Zen-Momente bei Bob Dylan in Paris“ – Bob Dylan live in Paris 2025 – Review 2nd Night/ Konzertkritik, 31.10.25 – Tag 2 von 2 – Text & Fotos von Christof Graf (German & English)

Paris II (2025) ist mein fünftes Konzert in sechs Tagen. In Amerika brachte ich es beim dritten Leg der 2025er Outlaw-Festival-Tour einmal auf drei Outlaw-Dylan-Konzerte in drei verschiedenen Städten an einem Wochenende. Nach drei aufeinanderfolgenden Tagen in Brüssel, folgt mit „Paris II“ für mich ein Nachschlag in Sachen Konsum einer mehrfachen Wiederholung eines in diesem Jahr sich nicht veränderten Konzertformats. Würde sich denn bei meinem fünften Konzert in sechs Tagen etwas ändern? Warum sollte Dylan überhaupt etwas ändern wollen. Dylan tritt nicht für die auf, die der Aufführung seiner Werke wiederholt beiwohnen möchten. Er spielt auch nicht für die, die selbst im Jahr 2025 noch immer auf ein „Best Of…“ mit Songs wie „Blowin`in the Wind“ oder „Knockin` on Heaven`s Door“ hoffen. Er spielt für sich und für sein Werk. Seiner hohen Kunst der Wiederholung muss man sich stellen wollen. Immer ist das mit Aufwendungen verbunden. Tickets, Anfahrt und gegebenenfalls Übernachtungen machen die Kunsterfahrung aufwendig. Aber mit Dylan kommt man herum, reist viel, sieht viel. Auch damit eröffnet er Horizonte. Paris, 31. Oktober 2025. Das sind 13 Tage vor dem 10. Gedenktag an das entsetzliche Attentat auf das „Bataclan“ am 13. November 2015. Bei einem dortigen Konzert der „Eagles Of The Death Metal“ wurden durch einen terroristischen Anschlag 89 Menschen ermordet.

Paris, 31. Oktober 2025. Das ist auch ein Besuch auf dem „Père Lachaise“, dem legendären Pariser Friedhof, wo z.B. u.a. auch Edith Piaf, George Moustaki oder Jim Morrison begraben sind.

Paris, 31. Oktober 2025. Das bedeutet auch „Halloween“ in Paris. Spinnenweben und riesige Skelette an den Häusern, wie ich sie z.B. zwei Jahre zuvor bei Dylans Konzert in Montreal en masse gesehen hatte, sehe ich in Paris nicht.

Alles irgendwie Symbole, für das auch Dylans Album „Rough And Rowdy Ways“ steht: Reflexion über Vergangenheit und Gegenwart, Suche nach einer verlorenen Zeit, Bewusstwerden der Vergänglichkeit, Gedanken über Leben und Tod.

Nach dem Dylan-Konzert begegnen mir in der Pariser Innenstadt viele junge Menschen in Halloween-Kostümen oder stehen in solchen Kostümen vor Clubs an. Junge Menschen gibt es aber auch im Pariser Publikum. Mehr als in Brüssel. Von der Boomer-Generation über die Gen Y bis zur Gen Z ist alles präsent. Auch im Pariser Palais weht der Hauch des Abschiedes und die Wehmutsstimmung, Dylan womöglich ein letztes Mal in der französischen Hauptstadt erleben zu können. Irgendwann werden vielleicht, anstatt Konzerte von Bob Dylan nur noch sein Avatar zu sehen und hören sein. Irgendwann werden nur noch Biopics über Dylan zu sehen sein, anstatt ihn „live in concert“ erleben zu können. Apropos Promotion: Plakate zur Bewerbung der Pariser Konzerte gibt es 2025 kaum.

Die Konzerte waren schnell ausverkauft. Nur vereinzelt sieht man am 31. Oktober noch irgendwo in einem Metro-Schacht ein altes Plakat hängen. Omnipräsent dagegen ist die Plakatwerbung für den auf dem gerade auf dem Disney-TV-Kanal anlaufenden „Like A Complete Unknown“-Film.

Alles kleine Details, auf die man achtet, wenn man durch fremde Städte auf dem Weg zu Dylan-Konzerten pilgert. Ebenso achtet man auch auf die kleinen Details der Veränderung in den jeweiligen Konzerten, wenn man davon einige innerhalb kurzer Zeitabstände besucht. Paris II hat davon wieder einige zu bieten.

Dieses Mal bin ich etwa eine Stunde vor dem pünktlichen Konzertbeginn um 20.00 Uhr im Palais. Die Eingangskontrollen sind wieder moderat. Viele Pariser halten sich nicht an die Zwangsabgabe ihrer Smartphones, und schauen noch bis kurz vor 20.00 Uhr gelegentlich darauf, um kurz die Uhrzeit zu checken oder womöglich letzte news zu lesen. Sie halten sich aber an Dylans „Wunsch“, die Smartphones nicht während des Konzertes zu gebrauchen. Kein einziges Mal sieht man während Dylans 100 Minuten-Andacht ein Display aufleuchten. Wenn man Tickets für die nicht viel günstigeren Plätze im hinteren, gar oberen Bereich des Palais (für ca. 150 Euro) gekauft hatte, ist der Blick auf Dylan nicht schlechter, als wenn man im Parterre und auf den ersten 20-30 vorderen Plätzen sitzt. Die Akustik empfinde ich als zuträglich. Besser als am Tag zuvor. Der Sound kommt nicht an die letzten beiden Konzerte im Bozar heran. Trotz besserer Aussteuerung gegenüber dem ersten Abend, hallt der Klang zu „kalt“ in den Gemäuern der Kongresshalle nach. Aber er passt zu der spartanischen Darbietung, dem wenigen Licht und der Stimmung im Saal. Fast erinnert die Atmosphäre an die in einem „Zendō“, einem spirituellen Dōjō in Zen-Tempeln, in denen „Zazen“, also Meditation praktiziert wird. Ja, Paris II offeriert mir solche Zen-Momente. Der erste „Zen-Moment“ erschließt sich mir bei „Black Rider“. Später kommen weitere „Zen-Momente“, insbesondere bei den „Spoken-Word“-Songs wie z.B. bei „My Own Version Of You“, „Key West“ oder gar beim walzerartigen „Mother Of Muses“ hinzu. – Ich entziehe mich dem Standbild auf der Bühne, das nicht viel an Abwechslung zu bieten hat, schließe die Augen und steige zunächst in das Lied „Black Rider“ ein und begleite gedanklich den schwarzen Reiter. Er erzählt davon, sich mit seinem Leben abzufinden, mit Würde vorauszugehen, um schließlich ebenso würdevoll Abschied zu nehmen.

Ich erinnere mich an das Buch „Bargainin‘ for Salvation: Bob Dylan, a Zen Master?“ von Steven Heine von der Floria International University aus dem Jahr 2009. Darin äußert er Gedanken, wie Bob Dylans Wortgut mit Zen in Verbindung gebracht werden kann. Ich erinnere mich auch an einen Artikel mit dem Titel „Bob Dylan’s Zen Garden – Cross-Cultural Currents in his approach to religiosity“ des FIU Asian Studies Program vom gleichen Autor aus dem Jahr 2016, das Zen-Parallelen in Dylans Werk untersucht. (https://asian.fiu.edu/jsr/heine-dylanzen-article2.pdf)

Ja, Bob Dylan zeigte schon lange vor „Black Rider“ in der Vergangenheit schon zu Beginn seiner Karriere eine Affinität zum Zen, da viele seiner Texte die buddhistischen Konzepte von „Sehen, wie die Dinge wirklich sind“, moralischer Kausalität (Karma) und der Auseinandersetzung mit der Leere widerspiegeln. Zen-ähnliche Aspekte wie das Sehen, wie die Dinge wirklich sind, lassen sich in einigen seiner Songs erkennen. Gerade in Texten, die von den Beat-Poeten beeinflusst sind, scheint Dylan die Zen-Haltung zu spiegeln, indem er Täuschungen überwindet. Das Thema „Karma“, die Vorstellung, dass „jeder etwas zurückgeben muss für etwas, das er bekommt“ wird in schon in früheren Songs wie z.B. „Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“ angesprochen. Und auch in „4th Time Around“ wird das thematisiert und ähnelt dem buddhistischen Karma-Konzept. Bei Songs der „The Basement Tapes“ wie z.B. „Too Much of Nothing“ und „Nothing Was Delivered“ erforscht Dylan z.B. die Auswirkungen der Leere oder die der spirituellen Leere.

Schon am ersten Abend, und vielleicht ist es wirklich nur der Atmosphäre dieses Kongresssaales geschuldet, entwickelt sich bei mir bei „Black Rider“ daher die Assoziation, Dylans Lyrik mit Zen zu verbinden. Nein, einen direkten, bewiesenen Zusammenhang zwischen den Liedern von Bob Dylan und dem Zen-Buddhismus gibt es ebenso wenig, wie die Blaupause für die Interpretation seiner Texte. Einige der RARW-Texte weisen aus meiner Sicht jedoch durchaus thematische Parallelen auf, die an Zen erinnern. Dazu gehören die Suche nach Wahrheit, die Darstellung von Paradoxen und die Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen, sei es nun Tod und nahende Vergänglichkeit in „Black Rider“ (Song No. 6), die Liebe in „My Own Version Of You“ (Song No. 7) oder eben das Leben in „To Be Alone With You“ (Song No. 8) und in „Crossing the Rubicon“ (Song No. 9).

Ein Großteil seiner (nicht nur) RARW-Songs handeln von einer Suche nach einem tieferen Verständnis oder einer Wahrheit, ähnlich der spirituellen Suche im Zen. Dylan kritisiert oft Werte, die auf die Überwindung von Anhaftung abzielt, was sich ebenso mit der Zen-Lehre erklären lässt. Dylans Texte enthalten oft paradoxe Bilder und behandeln existenzielle Fragen, die an die Paradoxa des Zen erinnern und die zum Überwinden des dualistischen Denkens anregen sollen. Gerade in den RARW-Texten reflektiert er über die menschliche Existenz und die Schwierigkeiten des Lebens, was auch ein zentrales Thema im Zen ist. In Paris II empfinde ich Dylans 17 Songs aufgrund der nüchternen, distanziert wirkenden Atmosphäre besonders als ein Angebot zur Meditation „in concert“. Ein Angebot zur Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks, des gegenwärtigen Bewusstseins. Glauben und Religion setzt er nicht voraus. Dennoch verlangt er das Einlassen auf seine Texte, was im Herbst 2025, seitdem er sich der Visualisierung seiner Person beim Vortrag geradezu entzieht und störende Elemente wie „Showelemente“, Licht und eben z.B. auch Smartphones nicht toleriert. Für die, die sich darauf bewusst oder unbewusst einlassen wollen, schafft er mit seiner gegenwärtigen Performance Raum, Zeit und Leere, fast wie in einem Zendō. Und er lässt Raum für neue Details. In „When I Paint My Masterpiece“ spielt er im Gegensatz zu Paris I noch ein drittes Mal Gitarre. Im Gegensatz zu Paris I greift er neben den bis dato bekannten „Harp“-Songs zusätzlich noch bei „Watching The River Flow“ und „Goodbye Jimmie Reed“ erneut zur Mundharmonika. Das ist seine Art der Interaktion mit dem Publikum, Worte an das selbige richtet er wieder nicht. Nach wenigen kurzen Erhebungen von seinem Klavierhocker und sekundenlangem Stehen ist die halbminütige Verabschiedung stehend und sich dem jubelnden Applaus stellend, die offensichtlichste Interaktion mit  dem im Vergleich zum Vorabend lauter und intensiver jubelnden Pariser Publikum. Auch honoriert das Pariser Publikum an diesem Abend Dylans „Angebot“ von Tiefgang und musikalischer Vielfalt zwischen viel Spoken Word, Blues, Jazz und Bossa-Nova, einigem älteren Liedgut und neun von zehn „RARW“-Songs immer wieder mit spontanen Standing Ovations zwischen den Songs. Nach 100 Minuten ist die „Pilgerreise“ in Dylans „Zen“ beendet. Dylan steht im übergroßen blauen Jackett und schwarzer Hose und gewohnt angewinkeltem Arm in der Hüfte bühnenmittig da, dreht sich um und geht. Das „Zazen“ ist zu Ende.

KW-44-2025: #RaR2026:  Über 50 neue Acts: Das Line-up für Rock am Ring 2026 steht komplett

31 Oct 25

In der Halloween-Nacht haben die legendären Zwillingsfestivals Rock am Ring und Rock im Park das vollständige Line-up für 2026 bekannt gegeben. Mit 54 Acts setzt die finale Bandwelle noch einmal ein kräftiges Zeichen – mit starken Namen und echten Fanlieblingen. Neu zum Programm hinzugekommen sind The Hives, Alter Bridge, Tom Morello, Finch, Breaking Benjamin, Bush, H-Blockx, The Pretty Reckless, Mehnersmoos, Sondaschule, Ecca Vandal, Basement, President, Wargasm, High Vis und viele weitere.

Bereits im September hatten Rock am Ring und Rock im Park mit der ersten Bandwelle für Aufsehen gesorgt: Mit Iron Maiden, Linkin Park, Volbeat, Limp Bizkit, Papa Roach, Electric Callboy, Bad Omens, Sabaton, The Offspring und vielen weiteren war die Headliner-Riege schnell komplett.

Rock am Ring ist bereits seit Anfang Oktober mit 90.000 Weekend-Tickets restlos ausverkauft und das so früh wie noch nie in der Geschichte des Festivals. Camping-Tickets und Upgrades sind weiterhin unter www.rock-am-ring.com/tickets erhältlich.

Für alle, die ihr Ticket nicht nutzen können, steht mit dem offiziellen Eventim FanSale eine sichere Plattform für den Weiterverkauf zur Verfügung: www.fansale.de. Fans werden ausdrücklich gebeten, Tickets ausschließlich über den verifizierten Eventim FanSale zu kaufen oder weiterzugeben und vom Zweitmarkt auf inoffiziellen Plattformen abzusehen.

Bei Rock im Park sind sowohl die Weekend-Tickets als auch die Tagestickets für Samstag und Sonntag bereits vollständig vergriffen – ebenfalls in Rekordzeit. Es gibt nur noch wenige Resttickets für den Festival-Freitag unter www.rock-im-park.com/tickets.

KW-44-2025: „Pariser Leinwände“ – Bob Dylan live in Paris 2025 – Review 1st Night/ Konzertkritik, 33.10.25 – Tag 1 von 2 – Text & Fotos von Christof Graf (German & English)

Vom Arc de Triomphe zum Palais des Congrès de Paris, der Kongress- und Veranstaltungshalle im 17. Arrondissement von Paris sind die knapp zwei Kilometer zu Fuß in etwa 20 Minuten zu bewältigen oder man fährt wie am zweiten Abend mit der Metro, dann schafft man es in knapp fünf Minuten.

Noch nie bin ich bei einem Bob Dylan-Konzert zu spät gekommen, aber bei diesem. In Paris ist es einfach, die Zeit zu vergessen oder sich in Entfernungen zu täuschen. Anyway, viele Wege führen in diesem Falle nach Paris und irgendwann ist man trotz aller „rough and rowdy ways“ dort, wo man sein möchte. So elegant und „pariserisch“ die Bezeichnung „Palais des Congrès de Paris“ auch klingt, der Palais ist es nicht. Nach drei Brüsseler Abenden in einem belgischen klassischen und in der Tat außen und innen elegant wirkenden „Bozar“ wirkt das sogenannte „große Amphitheater“ (Grande amphithéâtre) mit 3.723 Sitzplätzen eher nüchtern, wie eine Kongresshalle eben. Beide Abende sind nahezu ausverkauft. Kommt man mit der Metro an, führen die Treppenaufgänge direkt ins Foyer. Kommt man zu Fuß auf die Halle zu, wirkt die Location wie eine dieser typischen Kongresshallen aus den 1970er Jahren. Unspektakulär aber funktional. Nüchtern. Kein Plakat macht darauf aufmerksam, dass hier zwei Tage eine Legende Kunstwerke aufführt. Die angekündigten Kontrollen der Smartphones laufen recht moderat ab. Die Halle wirkt, als könne sie mehr als diese 3723 Sitzplätze anbieten. Als sie um Punkt 20.00 Uhr abgedunkelt wird, erscheinen fünf Musiker auf der danach nicht viel helleren Bühne. Einer davon ist Bob Dylan, die anderen gehören zu seiner derzeitigen „Rough And Rowdy Ways“-Tourband. Was folgt ist mit dem Satz “Same procedure as every year“ aus “Diner For One” zu beschreiben: “Same procedure as every concert this year“. Es gibt keine Veränderung der Setlist gegenüber den letzten diesjährigen Herbst-Konzerten. Dylan „versteckt“ sich hinter seinem Klavier. Er spielt als Einführung mal wieder sitzend, mit dem Rücken zum Publikum jeweils die ersten zwei Minuten der ersten beiden Songs „I’ll Be Your Baby Tonight“ und „It Ain’t Me, Babe“ mit der auf einem Hocker bereitliegenden E-Gitarre. Richtig sehen tun das nur wenige. Wissen tun das diejenigen, die schon RARW-Shows zuvor gesehen haben.

Viel zu sehen gibt es vom Meister seit diesem Sommer kaum noch. Es gibt gar geradezu kaum eine Chance auch nur einen Blick auf den Maestro werfen zu können. Für jene, die das schon von ihm kennen, ist das zwar keine Überraschung aber immer noch Enttäuschung. Für jene, die das zum ersten Mal erleben, ist es Enttäuschung pur. Wer teure Tickets in den ersten Reihen kauft, sieht von Dylan nichts. Die ersten beiden Songs wirken polternd. Sie sind noch etwas unausgesteuert. Um „Dylan live in concert 2025“ dylanesque zu erleben, muss man sich einen neuen eigenen Ansatz suchen. Einige verzichten darauf und verlassen schon nach dem ersten Drittel den Saal. Andere verlassen den Saal für einige Songs, um sich ein Getränk zu genehmigen. Getränke in der Halle sind nicht erlaubt. Wenn sie zurückkommen haben sie showmäßig nichts verpasst. Für sie muss es wirken, als würden sie das Konzert dort weitersehen, wo sie die „Pause-Taste“ gedrückt hatten. Musikmäßig haben sie jedoch wahre Songperlen verpasst, wie z.B. „Crossing The Rubicon“, das Dylan mit Klavierpassagen verziert oder wie z.B. das wie ein „Rap“ an diesem Abend klingende „My Own Version Of You“.

Wenn man weiter oben auf den Rängen sitzt, ist das Kommen und Gehen gut zu beobachten. Die, die als Zeitzeuge von Dylans Entstehen seines musikalischen Gemäldes beiwohnen möchten, stört das Aufstehen müssen. Man kann sogar auf Entfernung vermuten, wie sie Grimassen ziehen, wenn sie aus ihrer Andacht gerissen werden, um jemand fürs Pinkeln oder Biertrinken vorbeizulassen. – 100 Minuten Dylan sind heilig. Da darf nicht gestört werden.

Die 17 Songs in Paris I offerieren ungeachtet der nicht optimalen Akustik einige  Songperlen. Die eine glänzt jedoch etwas mehr als die andere. Perlen sind es schließlich alle, auch wenn Bob Dylan an diesem ersten Pariser Abend nicht alle zum Glänzen bringen konnte. Vielleicht war er müde, vielleicht nicht konzentriert. Einige Songzeilen vernuschelte er schon beim dritten Song, „I Contain Multitudes“. Einige weitere vernuschelt  gleich danach in „False Prohet“. Dem Zusammenspiel mit der wiederum sehr gut aufeinander abgestimmten Band an diesem Abend tut das keinen Abbruch. Die Band „bügelt“ über das „Nuscheln“ drüber. Bei „Black Rider“ klingt das Echo etwas zu hart.

Die erste wahre Songperle in Paris 2025 ist „When I paint My masterpiece”. Selten erlebte ich diesen Song bei meinen bis dahin 19. RARW-Konzerten, derart intim vorgetragen. Dylan inszeniert dieses Lied nicht, er zelebriert es. Er wirft mit seinen Worten Bilder auf eine imaginäre Leinwand in den Köpfen seiner Zuhörer.

Sehen, wer sie singt, tun die Zuhörer sowieso nicht. Viel ist im statisch dunklen Gelb ohne jegliche Schattierungen nicht zu sehen. Zu erkennen sind eigentlich nur stoisch wirkende Schatten, die sich wie in Zeitlupe um den Mann am Klavier dezent bewegen. Vielmehr als Dylans angestrahlter Kopf, der wie das Plattencover der „Greatest Hits Volume 3“ wirkt, ist vom Maestro nicht zu sehen.

Die Bühne wirkt durch die Reduktion des Lichtdesigns kleiner in dieser großen nüchternen Halle, als sie es tatsächlich ist. Mehr Licht gibt es nicht. Selbst an den drei Tagen zuvor im Bozar war es heller und atmosphärisch dichter. In Paris herrschte Dunkelheit. Ebenso wie es keine Lösungsmuster für die Interpretation seiner Texte gibt, ebenso gibt es kein Licht. In all dem Dunkel klingen die eigenen Gedanken beim Zuhören umso „heller“ nach. Ich habe den Eindruck Dylan tritt gerade bei „When I Paint My Masterpiece“ mit dem Publikum in Dialog. Er greift zur Mundharmonika, was die Pariser mit spontanem Applaus goutieren. Später tut er das bei „Desolation Row“ und bei „Very Grain Of Sand“ (also immer bei den älteren Songs) noch einmal. Mit dem Publikum spricht Dylan nicht, weder zu Beginn, währenddessen noch am Ende. Wenn er zur Mundharmonika greift, wirkt das fast wie eine Art „Ersatz-Kommunikation“ mit dem Publikum, das dies sofort mit spontanem Applaus dankend quittiert. Aber zurück zum „Masterpiece“. Beim genauen Hinhören, verstehe ich fast jeden Satz. Dylans Stimme ist bis auf gelegentliches Nuscheln stark, durchdringend und dennoch immer etwas nasal. Beim „Masterpiece“ ist die Stimme glasklar und im Kongresssaal herrscht dabei andächtige Stille. Worte wie „Someday, everything is gonna be smooth like a rhapsody/ When I paint my masterpiece” klingen nach. “Someday, everything is gonna be different/ When I paint my masterpiece” wirken, als würde er mit einem Pinsel seine Worte auf eine Leinwand klatschen. Der Betrachter darf dann quasi zeitgleich in dem daraus entstandenen Bild sehen, was er möchte. Je mehr Dylan-Konzerte ich besuche, umso mehr mache ich mir über die gehörten Lieder Gedanken. Ich lasse sie nachklingen. Die Lieder bekommen von Mal zu Mal eine neue Tiefe, eine Güte, gar eine neue Bedeutung, als ich ihnen irgendwann mal zuvor zugeschrieben hatte oder aber sie behalten ihre alte Bedeutung, quasi als eine Art Bestätigung und Zustimmung für das, was man dem Lied einmal zuschrieben hat. „Masterpiece“ thematisiert schon immer die Unsicherheit und das Streben nach einem idealen Zustand, der alles Negative hinter sich lassen könnte, auch wenn es eine nie endende Suche ist. Dylan beschrieb diesen „idealen Zustand“ einmal als einen Ort „jenseits der eigenen Erfahrung, der so überragend ist, dass man ihn nicht mehr verlassen möchte.“ – Alte  Bedeutung, neue Tiefe aus meiner Sicht der Dinge. – An diesem Abend, liegt dieser Ort zumindest für einen Song lang in Paris. Nirgendwo sonst, habe ich Dylans „Wunsch nach Vollendung“, seine Sehnsucht, ein Meisterwerk zu erschaffen, das die eigene Unsicherheit und bisherige Arbeit abschließt intensiver wahrgenommen als in Paris I. „Masterpiece“ wird zur Einladung in Dylans musikalische Vernissage voller leerer Leinwände. Er groont ein wenig, singt oder spricht die meiste Zeit seine Texte zu Blues, Folk, Country, Latin und Jazz. Sein eigenes Antlitz entzieht er den Blicken. Irgendwie kommt es mir vor, als will er mit den langsamen letzten Liedern „I`ve Made Up My Mind To Give Myself To You“ und „Mother Of Muses“ seine letzten Gemälde des ersten Pariser Abends präsentieren. Mit dem rock`n`roll-haften „Goodbye Jimmy Reed“ wird es laut und schnell. Der „scheppernde“ Sound passt gut zur Nüchternheit des Saales. Zeichen seiner Vielfalt.  – Seit Beginn seiner Karriere versuchte er aus dem Schatten zu treten. Am Ende seiner Karriere tritt er wieder dorthin zurück. Ein paar Momente nach dem letzten Song „Every Grain Of Sand“ steht er vom Klavierhocker auf, geht langsamen Schrittes zur Bühnenmitte, winkt seine Band zu sich und schaut stillschweigend ins jubelnde Publikum. Eine letzte Chance, die Legende für 20 Sekunden schließlich doch noch im Licht der nun für kurze Zeit erhellten Bühne zu sehen. Neben dem Harmonikaspiel und dem Präsentieren seiner imaginären Leinwände ist das die dritte Form und an diesem Abend auch die letzte, mit der er mit dem Publikum „kommuniziert“. – Ich freue mich auf eine weitere Nacht in Paris.