Nostalgie ohne Stillstand – Wenn Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen
Die schwedische Hard Rock-Band „Europe“ zählen in Stuttgart den „Final Countdown“ an
Text & Fotos: Prof. Dr. Christof Graf
Es gibt Melodien, die schon nach wenigen Sekunden ganze Generationen in ihre Jugend zurückversetzen. Das unverwechselbare Keyboardmotiv von „The Final Countdown“ gehört unbestritten dazu. Als Europe den Song 1986 veröffentlichten, begann für die fünf Schweden der Aufstieg zu internationalen Rockstars. Vier Jahrzehnte später ist der Titel längst ein Klassiker der Rockgeschichte. Dass Europe aber keineswegs nur von diesem einen Welthit leben, stellsen sie im Beethoven-Saal der Stuttgarter Liederhalle eindrucksvoll unter Beweis.
40 Jahre nach ihrem weltweiten Durchbruch mit „The Final Countdown“ machen Europe am 16. Oktober 2026 auf ihrer Jubiläumstour Station in der Stuttgarter Liederhalle. Die schwedischen Hardrock-Veteranen präsentierten dabei nicht nur sämtliche Songs ihres erfolgreichsten Albums, sondern beweisen auch, dass sie musikalisch weit mehr zu bieten haben als nostalgische Erinnerungen an die Achtzigerjahre.
Das knapp 100 minütige Konzert beginnt um 20.45 Uhr zunächst mit einem Streifzug durch die jüngere und weniger bekannte Bandgeschichte. Mit dem kraftvollen „Scandinavian Eyes“ und dem erdigen „Walk the Earth“ zeigen Europe ihre härtere, bluesrockorientierte Seite. Erst mit „Superstitious“ wird die Tür zu den großen Erfolgen der Achtzigerjahre aufgestoßen. Der eingängige Refrain sorgt für ausgelassene Stimmung und zeigt, wie zeitlos gut gemachter Melodic Rock sein kann.
Im Mittelpunkt steht einmal mehr Sänger Joey Tempest, der auch mit 63 Jahren nichts von seiner charismatischen Bühnenpräsenz verloren hat. Mit seinem charakteristischen Mikrofonständer und jeder Menge Bewegung führt er durch das Programm. Seine Stimme klingt heute rauer und gereifter als zu den großen Erfolgszeiten, besitzt aber noch immer genügend Kraft und Ausdruck, um sowohl die rockigen Nummern als auch die gefühlvollen Balladen überzeugend zu interpretieren.
An seiner Seite glänzt Gitarrist John Norum mit seinem unverwechselbaren, kraftvollen Spiel. Seine Soli verbinden technische Brillanz mit melodischem Gespür und gehören immer wieder zu den musikalischen Höhepunkten. Gemeinsam mit Keyboarder Mic Michaeli, Bassist John Levén und Schlagzeuger Ian Haugland präsentiert sich Europe als hervorragend eingespielte Einheit.
Mit „One on One“, „Last Look at Eden“ und dem wuchtigen „War of Kings“ beweist die Band, dass ihre musikalische Entwicklung keineswegs 1986 stehen geblieben ist. Besonders „War of Kings“ überzeugt mit schweren Gitarren und einer beinahe majestätischen Atmosphäre. „Prisoners in Paradise“ schlägt anschließend die Brücke zurück zu den frühen Neunzigerjahren, während „The Cult of Ignorance“ und „On Broken Wings“ den ersten Konzertabschnitt abrunden. Nicht jeder dieser Songs löst dieselbe Begeisterung aus wie die großen Klassiker, doch gerade diese Mischung verleiht dem Auftritt musikalische Abwechslung.
Im zweiten Teil rückt schließlich das Jubiläumsalbum „The Final Countdown“ in den Mittelpunkt. Europe spielen sämtliche zehn Songs des 1986 erschienenen Erfolgswerks, allerdings nicht in der ursprünglichen Reihenfolge.
Mit „Rock the Night“ wird sofort wieder eine Schippe draufgelegt. Der treibende Hardrock-Klassiker entfaltet live eine mitreißende Energie und bringt Bewegung in den bestuhlten und mit etwa 2500 Zuschauern ausverkauften Beethoven-Saal. Deutlich gefühlvoller wird es anschließend bei „Carrie“. Die berühmte Powerballade sorgt mit ihrer großen Melodie und Tempests ausdrucksstarkem Gesang für einen der emotionalen Momente des Abends.
Besonders reizvoll ist allerdings, dass auch die weniger bekannten Albumtitel ihre verdiente Aufmerksamkeit erhalten. „Danger on the Track“, „Ninja“ und „Time Has Come“ zeigen, wie viel musikalische Substanz hinter der glanzvollen Achtzigerjahre-Produktion steckt. Gerade John Norums Gitarrenarbeit setzt diesen Stücken immer wieder markante Akzente.
Mit „Cherokee“ folgt ein weiterer Höhepunkt. Der kraftvolle Rhythmus und der hymnische Refrain machen deutlich, weshalb der Song bis heute zu den beliebtesten Nummern der Band zählt. Auch „Heart of Stone“, „On the Loose“ und „Love Chaser“ fügen sich überzeugend in das Jubiläumsprogramm ein. Die Songs klingen dabei keineswegs wie angestaubte Erinnerungsstücke, sondern werden mit der Energie und Routine einer erfahrenen Hardrockband präsentiert.
Überhaupt ist den fünf Musikern ihre jahrzehntelange Vertrautheit jederzeit anzumerken. Europe verzichten auf unnötige Effekthascherei und setzen stattdessen auf Spielfreude, Präzision und die Stärke ihrer Kompositionen. Dass dabei nicht mehr jede Gesangspassage dieselbe jugendliche Leichtigkeit besitzt wie vor 40 Jahren, fällt dabei kaum ins Gewicht. Im Bühnenhintergrund sind immer wieder Aufnahmen der Band vor 40 Jahren zu sehen, toupierte Löwenmähnen und Röhrenjeans inklusive. Dann kommt das Finale, das jeder erwartet. Den krönenden Abschluss bildet natürlich „The Final Countdown“. Schon mit den ersten Keyboardtönen ist klar, dass nun der emotionale Höhepunkt des Abends erreicht ist. Der weltbekannte Refrain wird begeistert mitgesungen, Norum setzt mit seinem Gitarrensolo einen letzten Glanzpunkt, und Tempest dirigiert die Stimmung im Saal souverän bis zum Schluss.
Nach knapp 100 Minuten ist der kurzweilige Auftritt beendet. Angesichts des umfangreichen Repertoires hätte man sich aber durchaus noch die eine oder andere Zugabe gewünscht. Auch erreichen die neueren Songs vom gerade erschienenen Album „Come This Madness“ (2026) beim Publikum nicht ganz die Euphorie der alten Hits. Dennoch überwiegt der Eindruck einer Band, die ihre Vergangenheit mit Stolz feiert, ohne ausschließlich in ihr zu leben.
Europe liefern in Stuttgart eine überzeugende Jubiläumsshow, die Nostalgie mit musikalischer Klasse und spürbarer Leidenschaft verbindet. Besonders erfreulich ist, dass neben den unvermeidlichen Hits auch weniger bekannte Stücke ihren Platz finden und zeigen, wie vielseitig das Schaffen der fünf Schweden tatsächlich ist. 40 Jahre nach ihrem größten Triumph sind Europe vielleicht keine jugendlichen Rockstars mehr. Doch als eingespielte Hardrockband haben sie noch immer einiges zu bieten. Die schlechte Nachrich: Der „Countdown“ ist heruntergezählt. – Die gute Nachricht: Europe kommen 2027 wieder und nicht nur nach Stuttgart und Berlin, wie 2026 , sondern zusammen mit Foreigner auf eine ganze Europatournee.
EUROPE – Beethoven-Saal at Liederhalle, Stuttgart, Germany
The Final Countdown 40th Anniversary Tour, 16th October 2026
Scandinavian Eyes
Walk the Earth
Superstitious
One on One
Prelude
Last Look at Eden
War of Kings
Prisoners in Paradise
The Cult of Ignorance
On Broken Wings
Rock the Night
Carrie
Danger on the Track
Ninja
Cherokee
Time Has Come
Heart of Stone
On the Loose
Love Chaser
The Final Countdown


