Zwischen Literatur, Lichtgestalten und Lebenshunger: Alexander Scheer singt Bowie in der Alten Oper Frankfurt
Es gibt Tribute-Abende, die funktionieren wie gut geölte Nostalgie-Maschinen. Man hört die großen Hits, sieht ein paar projizierte Fotos, klatscht bei den bekannten Refrains und geht mit dem beruhigenden Gefühl nach Hause, dass die Vergangenheit wenigstens musikalisch noch existiert. Und es gibt Abende wie „HEROES – Alexander Scheer singt David Bowie“ in der Alte Oper Frankfurt, die genau das verweigern. Kein Karaoke der Erinnerung, kein Bowie-Museum, sondern ein zweistündiger Versuch, die innere Temperatur eines Künstlers wiederzufinden, dessen Werk bis heute zwischen Glamour, Abgrund und radikaler Selbstverwandlung oszilliert.
Schon beim Betreten des Großen Saals lag eine eigentümliche Spannung in der Luft. Das Publikum war so heterogen wie Bowies Werk selbst: ältere Fans, die seine Berliner Jahre noch bewusst erlebt haben dürften, Theaterpublikum, Indie-Hörer, neugierige Literaturmenschen. Die Alte Oper erwies sich dabei als idealer Ort für diesen Abend. Anders als die großen Mehrzweckhallen, deren Akustik in Frankfurt oft kritisiert wird, besitzt der Saal jene kontrollierte Wärme, die Musik atmen lässt. Gerade in den leisen Momenten wurde deutlich, wie sehr dieser Raum auf Nuancen reagiert.
Alexander Scheer betrat die Bühne nicht wie ein Rockstar. Eher wie ein Schauspieler, der eine Figur beschwört, ohne sie imitieren zu wollen. Und genau darin lag die größte Stärke des Abends. Scheer versucht zu keinem Zeitpunkt, David Bowie zu kopieren. Er übernimmt weder Gestik noch Stimme, weder die berühmte Distanz noch das kalkulierte Außerirdische. Stattdessen nähert er sich Bowie von innen. Seine Interpretation basiert auf Textverständnis, auf Haltung, auf emotionaler Wucht.
Schon die ersten Songs machten klar, dass hier nicht bloß eine Setlist abgespult wird. Die Band spielte mit rauer Präzision: Fee Aviv Dubois an der Gitarre setzte schneidende, oft fast expressionistische Akzente, während Steve Patutas Keyboards immer wieder jene schimmernden Klangflächen erzeugten, die sofort an Bowies Berliner Phase erinnerten. Rhythmisch blieb alles beweglich; nie steril, nie überarrangiert. Statt bombastischer Originaltreue dominierte ein lebendiger, manchmal bewusst unperfekter Zugriff.
Besonders eindrucksvoll war die dramaturgische Idee des Abends. Grundlage des Programms ist jene legendäre Liste von hundert Büchern, die Bowie selbst einst als prägend für sein Leben bezeichnete. Zwischen den Songs tauchten Texte auf: Fragmente aus Döblin, Dante, Christa Wolf oder Homer. Das hätte leicht prätentiös wirken können. Doch Scheer gelang das Kunststück, diese literarischen Exkurse organisch mit der Musik zu verweben. Plötzlich erschienen Songs wie „Ashes to Ashes“ oder „Heroes“ nicht mehr bloß als Popklassiker, sondern als Teil eines größeren kulturellen Kosmos.
Gerade die Berliner Jahre Bowies standen im Zentrum des Abends. Frankfurt wurde für zwei Stunden zu West-Berlin 1977: eine Stadt der Nachtmenschen, Suchenden, Exzesse und künstlerischen Selbstrettung. Das Bühnenlicht arbeitete viel mit kalten Farben, langen Schatten und abrupten Wechseln zwischen Dunkelheit und gleißender Helligkeit. Manchmal wirkte die Bühne wie ein verlassener Nachtclub kurz vor Morgengrauen.
Der emotionale Höhepunkt kam erwartungsgemäß mit „Heroes“. Doch selbst hier vermied Scheer jede pathetische Überhöhung. Statt hymnischer Stadiongeste entstand etwas Fragiles, fast Zärtliches. Die berühmte Zeile vom Heldsein „für einen Tag“ klang plötzlich nicht triumphal, sondern verzweifelt hoffnungsvoll. Genau darin lag die Größe dieses Moments: Der Song wurde seiner Überverwendung entrissen und bekam seine existenzielle Dringlichkeit zurück.
Überhaupt war dieser Abend erstaunlich körperlich. Scheer sang nicht geschniegelt, sondern mit Risiko. Er presste Töne heraus, brach sie auf, ließ sie kippen. Manchmal klang er verletzlich, manchmal eruptiv aggressiv. Diese Brüchigkeit verlieh den Songs eine enorme Gegenwärtigkeit. Bowie erschien nicht als Denkmal, sondern als Suchender, Getriebener, Grenzgänger.
Beeindruckend war auch, wie souverän Scheer zwischen Konzert, Theater und Performance wechselte. In einem Moment schleuderte er dem Publikum eine Zeile entgegen wie ein Prediger am Rand des Nervenzusammenbruchs, im nächsten saß er still auf einem Hocker und las beinahe flüsternd einen Textauszug. Diese Wechsel erzeugten einen Sog, dem man sich kaum entziehen konnte.
Natürlich gab es auch kleinere Schwächen. Nicht jede literarische Passage fügte sich gleich stark in den musikalischen Fluss ein. Manche Übergänge wirkten etwas didaktisch, und gelegentlich verlor der Abend kurz seine rhythmische Spannung. Doch gerade diese Unebenheiten machten die Aufführung menschlich. Sie verhinderten jene sterile Perfektion, die vielen Tribute-Produktionen eigen ist.
Am Ende stand minutenlanger Applaus. Kein höflicher Kulturbeifall, sondern echte Begeisterung. Viele Zuschauer wirkten, als hätten sie weniger ein Konzert als eine Begegnung erlebt – mit Bowie, aber auch mit den eigenen Erinnerungen, Sehnsüchten und Brüchen.
„HEROES“ in der Alten Oper Frankfurt war deshalb weit mehr als eine Hommage. Alexander Scheer zeigte, dass David Bowie nicht deshalb unsterblich bleibt, weil seine Songs zeitlos wären. Sondern weil sie von Identität, Einsamkeit, Verwandlung und Überleben erzählen – also von all dem, was nie verschwindet. Für einen Abend wurde daraus großes Musiktheater: intensiv, klug, dunkel leuchtend.











