Photos: Christof Graf
Es gibt Konzerte, die auf Nähe setzen, und es gibt Konzerte, die von Distanz leben. Der Auftritt der neuseeländischen Singer-Songwriterin Aldous Harding am 5. Juli 2026 beim Montreux Jazz Festival gehörte entschieden zur zweiten Kategorie – und gerade deshalb entwickelte er eine seltene, beinahe hypnotische Wirkung.
Als Harding kurz nach 20.30 Uhr die Bühne des Auditorium Stravinski betrat, wirkte die Szenerie zunächst unspektakulär. Keine große Geste, keine publikumswirksame Inszenierung, kein Versuch, die Aufmerksamkeit des Saales zu erzwingen. Stattdessen stand plötzlich diese kleine, beinahe scheue Gestalt im Lichtkegel der Bühne und ließ mit den ersten Takten erkennen, dass hier eine Künstlerin auftrat, die sich den Mechanismen zeitgenössischer Popinszenierung konsequent entzieht. Aldous Harding war nicht gekommen, um sich zu erklären – sie war gekommen, um ihre eigene Welt zu errichten.
Die Neuseeländerin, die seit Jahren zu den eigenwilligsten Stimmen des internationalen Indie-Folk zählt, präsentierte in Montreux vor allem Stücke ihres im Frühjahr erschienenen fünften Albums Train on the Island, das erneut unter der Regie ihres langjährigen Produzenten John Parish entstanden ist. Zwischen introspektivem Folk, surrealen Textbildern und dezent psychedelischen Arrangements entfalteten die neuen Songs eine eigentümliche Spannung zwischen Vertrautheit und Fremdheit.
Hardings Stimme bleibt dabei ihr stärkstes Ausdrucksmittel. Sie kann innerhalb weniger Sekunden von fast kindlicher Zerbrechlichkeit in eine dunkle, beinahe theatralische Tiefe wechseln, einzelne Silben dehnen, Worte verschlucken oder mit einem plötzlichen Lächeln brechen. Oft hatte man weniger den Eindruck, einer Sängerin zuzuhören, als einer Schauspielerin, die ihre Texte in immer neuen Rollen und Masken durchspielt.
Dazu kamen jene charakteristischen Bewegungen, für die Harding inzwischen ebenso bekannt ist wie für ihre Musik: abrupte Gesten, starre Blicke ins Publikum, unerwartete Grimassen und kleine choreographische Einfälle, die irgendwo zwischen Performancekunst, Stummfilm und Traumsequenz angesiedelt sind. Was auf Video leicht manieriert wirken könnte, entfaltete im Saal eine eigentümliche Sogwirkung. Das Publikum beobachtete die Sängerin mit einer Aufmerksamkeit, wie man sie bei großen Festivalveranstaltungen nur selten erlebt.
Musikalisch setzte Harding auf Reduktion statt auf Überwältigung. Die Begleitband agierte mit bemerkenswerter Disziplin und ließ den Songs den notwendigen Raum zum Atmen. Feine Gitarrenlinien, sparsame Percussion und gelegentliche Keyboardflächen bildeten ein zurückhaltendes Fundament, auf dem Hardings Stimme und ihre ungewöhnliche Phrasierung umso deutlicher hervortreten konnten. Gerade in den leiseren Momenten zeigte sich die hervorragende Akustik des Stravinski-Saales: Selbst die kleinsten Nuancen schienen bis in die hintersten Reihen vorzudringen.
Besonders eindrucksvoll gerieten die Momente, in denen Harding die Spannung zwischen Nähe und Entzug bewusst ausspielte. Während viele Künstler die direkte Kommunikation mit dem Publikum suchen, blieb sie rätselhaft und unnahbar. Ansagen waren selten, Lächeln ebenso. Doch gerade diese Verweigerung erzeugte eine ungewöhnliche Intensität. Die Zuschauer mussten sich der Musik annähern, anstatt umgekehrt.
Die Programmierung des Abends erwies sich dabei als bemerkenswert stimmig. Als Support für Nick Cave & The Bad Seeds eröffnete Harding den Konzertabend im Auditorium Stravinski und bildete mit ihrer Mischung aus Dunkelheit, Spiritualität und poetischer Verschrobenheit einen faszinierenden Gegenpol zum späteren Hauptprogramm. Beide Künstler verbindet die Fähigkeit, Songs nicht als bloße Unterhaltung, sondern als Räume für Ambivalenz, Geheimnis und existenzielle Fragen zu begreifen.
Als Aldous Harding nach etwas mehr als einer Stunde die Bühne wieder verließ, reagierte das Publikum mit lang anhaltendem Applaus – weniger euphorisch als konzentriert und respektvoll. Es war die Anerkennung für einen Auftritt, der sich jeder schnellen Vereinnahmung entzog und gerade dadurch in Erinnerung bleiben dürfte.
Nicht jedes Konzert muss Antworten liefern. Manchmal genügt es, Fragen zu hinterlassen. Aldous Harding gelang in Montreux genau das.
