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KW-28-2026: Marillion in Frankfurt – Tribute To Leonard Cohen without Dedication – Konzertrückblick von Christof Graf
Photos: Christof Graf
Frankfurt am Main. Es gibt Bands, die spielen Konzerte. Und es gibt Bands wie Marillion, die erschaffen eine Welt für ein Konzert, in der sich Erinnerungen, Sehnsüchte und Hoffnungen für die Momentaufnahme einer Konzertlänge verdichten. Der Auftritt der britischen Progressive-Rock-Institution am 7. Juli in der Frankfurter Jahrhunderthalle gehörte zweifellos zur zweiten Kategorie. Schon beim eröffnenden „Splintering Heart“ war spürbar, dass dies kein Abend für schnelle Effekte oder routinierte Nostalgie werden würde. Die fünf Musiker betraten die Bühne mit jener unaufgeregten Selbstverständlichkeit einer Band, die seit Jahrzehnten gemeinsam musiziert und längst nichts mehr beweisen muss. Stattdessen entwickelte sich ab Konzertbeginn um 20.30 (ohne Vorband) über die folgenden gut zwei Stunden ein Konzert, das weniger von Virtuosität als von Atmosphäre, Dramaturgie und emotionaler Wahrhaftigkeit lebte.
Im Zentrum stand einmal mehr Steve Hogarth. Der Sänger besitzt inzwischen jene seltene Bühnenpräsenz, die weder auf Gesten noch auf Pose angewiesen ist. Seine Stimme hat über die Jahre an Schärfe verloren, dafür aber an Ausdruck gewonnen. Besonders in dem Tribute To Leonard Cohen-Song „The Crow (Hogarth) and the Nightingale (Cohen)“ und dem nach wie vor bewegenden „Easter“ gelang es ihm, die großen Themen der Band – Verlust, Hoffnung, Menschlichkeit und Mitgefühl – mit bemerkenswerter Intensität zu vermitteln. Wurde das Cohen-Tribute vom „An Hour Before Its Dark“-Album beim letzten Konzert in Frankfurt noch mit „The next song is dedicated to Leonard Cohen“ angekündigt worden, agierte der Song vier Jahre später auch nicht mehr als musikalischer bestandteil inmitten des Konzertes, sondern gleich als zweiter Song zu Beginn des Konzertabends.
Beim Beginn von „Easter“ stolperte Frontmann Steve Hogarth und fiel in den Fotograben. Was unfallträchtiger aussah, wie es glücklicherweise nicht war, überspielte Hogarth mit einer „Nichts passiert“-Geste und einem schmunzelnden „I´m ok“ und machte, als sei es ein teil der Show und sang einige Minuten aus dem Graben weiter, bevor er um die Bühne herum ging, um die Bühne unbeschadet von hinte wieder zu betreten.
Musikalisch präsentierten sich Marillion in bestechender Form. Steve Rothery ließ seine Gitarre nicht dominieren, sondern erzählen. Seine Soli waren keine Demonstrationen technischer Überlegenheit, sondern melodische Kommentare zum Geschehen, oftmals von beinahe hymnischer Schönheit. Mark Kellys Keyboardflächen verliehen vielen Passagen jene charakteristische Weite, die seit Jahrzehnten zum Markenzeichen der Band gehört, während Pete Trewavas und Ian Mosley das Fundament mit der Gelassenheit erfahrener Handwerker legten. Der Schwerpunkt des Programms lag auf dem Spätwerk der Band. Stücke wie „Sounds That Can’t Be Made“ oder die vier Teile der „Care“-Suite aus dem Album „An Hour Before It’s Dark“ machten deutlich, wie bemerkenswert es ist, dass Marillion auch nach mehr als vierzig Jahren nicht von ihrer Vergangenheit leben müssen. Gerade die „Care“-Sequenz entwickelte sich zu einem emotionalen Zentrum des Abends – eine nachdenkliche Reflexion über Vergänglichkeit und Solidarität, die in Zeiten globaler Krisen nichts von ihrer Aktualität verloren hat.
Natürlich fehlten auch die Klassiker nicht. Als die ersten Takte von „Hotel Hobbies“ erklangen und nahtlos in „Warm Wet Circles“ sowie „That Time of the Night“ übergingen, verwandelte sich die Jahrhunderthalle für einige Minuten in eine Zeitmaschine zurück in die Mitte der achtziger Jahre. Das Publikum, überwiegend mit der Band gemeinsam gealtert, sang jede Zeile mit einer Inbrunst mit, die eher an ein kollektives Erinnerungsritual als an ein gewöhnliches Rockkonzert erinnerte. „Lucky Man“, der fünfte Song des Abends wurde als Tournee-Debut angekündigt, was besondesr die eingefleischte Fangemeine begeisterte. Noch mehr Begeisterung erfuhr der darauffolgende sechste Song „Ribbons And Lace“, ein brandneuer Song, des für Frühjahr 2027 angekündigtenb neuen Albums.
Den emotionalen Höhepunkt erreichte der Abend jedoch erst mit der zweiten Zugabe. Auszüge aus dem Jahrhundertalbum „Brave“ führten schließlich zu einem majestätischen „The Great Escape“, dessen finale Steigerung die Jahrhunderthalle in stehender Ovation vereinte. Selten klang Resignation so tröstlich und Hoffnung so glaubwürdig zugleich.
Marillion haben sich stets gegen die Mechanismen des schnellen Musikgeschäfts gestellt und über Jahrzehnte eine außergewöhnlich enge Beziehung zu ihrem Publikum aufgebaut. Der Frankfurter Abend zeigte eindrucksvoll, warum diese Verbindung bis heute trägt: Weil diese Band nicht einfach Songs spielt, sondern Geschichten erzählt – über das Älterwerden, über Verletzlichkeit und darüber, dass Empathie vielleicht doch die stärkste Form des Widerstands ist.
Die Jahrhunderthalle erlebte an diesem Juliabend keinen nostalgischen Rückblick einer Prog-Rock-Legende, sondern eine Band, die auch im fünften Jahrzehnt ihrer Karriere bemerkenswert gegenwärtig wirkt.
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