KW-28-2026: Rückschau, Standortbestimmung und Aufbruch – Deutschlandtournee-Start von Marillion in Rastatt vor dem Residenz-Schloss – von Christof Graf

Photos: Christof Graf

Mit einem Konzert, das gleichermaßen Rückschau, Standortbestimmung und Aufbruch war, eröffneten Marillion am 4. Juli 2026 im Ehrenhof des Rastatter Residenzschlosses ihre Deutschlandtournee. Die britischen Progressive-Rock-Veteranen bewiesen dabei eindrucksvoll, weshalb sie auch fast fünf Jahrzehnte nach ihrer Gründung zu den außergewöhnlichsten Livebands ihres Genres zählen. Vor der barocken Kulisse des Schlosses entstand an diesem warmen Sommerabend eine Atmosphäre, die wie geschaffen schien für die großen emotionalen Bögen und die epische Dramaturgie der Musik von Marillion.

Marillion sind längst zu einer Anomalie im Musikgeschäft geworden. Während viele ihrer Zeitgenossen von der Vergangenheit leben, scheint die Band um Sänger Steve Hogarth in bemerkenswerter Weise in der Gegenwart angekommen zu sein. Das zeigte sich bereits in den ersten Minuten des Konzerts. Ohne Pathos, ohne große Gesten betraten die Musiker die Bühne und ließen die Musik sprechen – und die sprach mit einer Klarheit und Selbstverständlichkeit, die nur Bands erreichen, die seit Jahrzehnten gemeinsam auf der Bühne stehen.

Steve Hogarth, mittlerweile eine der markantesten Stimmen des britischen Art Rock, agiert dabei weniger als klassischer Frontmann denn als Erzähler und Vermittler. Er singt die Texte nicht, er bewohnt sie. Seine Stimme hat über die Jahre an jugendlicher Schärfe verloren, dafür jedoch an Ausdruckskraft gewonnen. Gerade die leisen Momente, die tastenden Phrasen und die zerbrechlichen Zwischentöne verliehen den Liedern eine beinahe intime Wirkung.

Die Musik von Marillion war schon immer von einer eigentümlichen Spannung geprägt: zwischen Größe und Verletzlichkeit, zwischen hymnischer Weite und persönlicher Innenschau. In Rastatt wurde diese Spannung geradezu greifbar. Wenn Steve Rothery seine langen, melodischen Gitarrenlinien über die Arrangements legte, öffneten sich Klangräume, die eher an Filmmusik als an klassischen Progressive Rock erinnerten. Rothery gehört zu jenen Gitarristen, die nie durch technische Exzesse auffallen mussten, weil jede einzelne Note bereits ihre eigene Geschichte erzählt.

Bereits der Auftakt mit „Splintering Heart“ machte deutlich, dass die Band nicht auf routinierte Nostalgie setzte. Steve Hogarth betrat die Bühne nicht als nostalgischer Frontmann einer legendären Formation, sondern als charismatischer Erzähler, der jede Zeile mit bemerkenswerter Intensität durchlebte. Seine Stimme besitzt zwar nicht mehr die unerschütterliche Kraft früherer Jahre, dafür aber eine Ausdrucksstärke und emotionale Tiefe, die den Liedern zusätzliche Dimensionen verleihen.

Mit „The Crow and the Nightingale“ und dem unverwüstlichen „Easter“ gelang es Marillion früh, das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Besonders „Easter“ entwickelte sich zu einem ersten Höhepunkt des Abends: Steve Rotherys Gitarrensolo erhob sich über den Ehrenhof wie eine hymnische Klage, während das Publikum die Melodie nahezu andächtig mittrug. Dass die Band anschließend mit „You’re Gone“ und dem Live-Debüt von „Ribbons and Lace“ den Fokus auf jüngere Schaffensphasen legte, unterstrich den Anspruch, keine bloße Best-of-Show zu präsentieren.

Überhaupt zeigte die Setlist eine bemerkenswerte Balance zwischen Klassikern und Material aus jüngeren Alben. Mit „Sounds That Can’t Be Made“ und „Seasons End“ gelang die Verbindung verschiedener Epochen beinahe mühelos. Das Zentrum des Konzerts bildete jedoch die vierteilige Suite „Care“ vom aktuellen Studioalbum „An Hour Before It’s Dark“. In einer Zeit, in der viele Bands ihres Alters neue Stücke eher als Pflichtübung absolvieren, wirkten diese Songs bei Marillion wie das eigentliche Herzstück des Abends. Themen wie gesellschaftliche Entfremdung, Sterblichkeit und Menschlichkeit erhielten in der Live-Interpretation eine geradezu beklemmende Aktualität. Besonders „Angels on Earth“ entfaltete eine emotionale Wucht, die weit über das hinausging, was die Studioversion vermittelt.

Musikalisch präsentierte sich die Band in bestechender Form. Steve Rothery spielte mit jener Mischung aus Eleganz und melodischer Präzision, die ihn seit Jahrzehnten zu einem der unterschätztesten Gitarristen des Progressive Rock macht. Mark Kelly ließ seine Keyboardflächen majestätisch über die Arrangements schweben, während Pete Trewavas und Ian Mosley das Fundament mit beeindruckender Selbstverständlichkeit legten. Nichts wirkte überladen, nichts demonstrativ virtuos – jede Note stand im Dienst des Songs.

Der Zugabenblock geriet schließlich zur Feier des klassischen Hogarth-Katalogs. Die nahtlose Folge aus „Hotel Hobbies“, „Warm Wet Circles“ und „That Time of the Night“ entführte das Publikum zurück in die späten achtziger Jahre, ohne dabei museal zu wirken. Mit „Afraid of Sunlight“ folgte einer der großen Marillion-Momente überhaupt, ehe die abschließende „Brave“-Trilogie aus „Wave“, „Mad“ und dem monumentalen „The Great Escape“ den Abend zu einem überwältigenden Finale führte. Als die letzten Klänge über dem Ehrenhof verklangen, blieb für einige Sekunden eine beinahe ehrfürchtige Stille zurück, bevor begeisterter Applaus losbrach.

Der Tourauftakt in Rastatt zeigte eine Band, die längst nicht mehr beweisen muss, dass sie relevant ist. Marillion besitzen etwas Wertvolleres: die Fähigkeit, ihr Publikum über zwei Stunden hinweg in eine eigene Welt zu entführen. In einer Zeit schnell konsumierbarer Musik bleibt ein Marillion-Konzert ein Ereignis, das Konzentration verlangt und dafür reich belohnt. Der Auftakt der Deutschlandtournee war deshalb weit mehr als nur ein gelungenes Konzert – er war eine eindrucksvolle Erinnerung daran, dass Progressive Rock auch im Jahr 2026 noch berühren, überraschen und überwältigen kann.