KW-44-2026: Bob Dylan 2026 in Düsseldorf – Die Leichtigkeit der Beständigkeit – Ein Konzertbericht von Christof Graf

Dusseldorf, Germany

Mitsubishi Electric Hall

October 27, 2026

Review by Christof Graf – Photos by Christof Graf

Die Leichtigkeit der Beständigkeit. Für die einen und dabei wohl auch für die meisten, ist das erste Konzert eines neuen Tourneeabschnitts von Bob Dylan zugleich auch das letzte dieser Tournee, weil sie eben nur ein einziges Konzert besuchen. Für andere ist vielleicht irgendein anderes oder aber auch das letzte Konzert eines Tourneeabschnitts das erste und zugleich das letzte. Andere besuchen gar mehrere Konzerte und können Konzerte vergleichen. Egal, zu welcher Besuchergruppe man gehört, man hat zumeist die Hoffnung, dass auch bei dem Konzert, das man gerade besucht, jene Lieder zu hören sind, auf die man sich besonders freut oder jene besonderen Lieder und Interpretationen zu hören sind, die z.B. schon vorab für Diskussionen in den sozialen Medien gesorgt haben. Mein Tourneeeinstieg 2026 war in Düsseldorf. Ein wenig war ich auf jene neidisch, die Dylan schon beim Tourneeauftakt seiner nun nicht mehr „Rough And Rowdy Ways Tour“, sondern „Lights of Autumn“-Tour betitelten Konzertreihe in Oslo/ Norwegen erleben konnten. Dort präsentierte Dylan eine radikal abgespeckte Version des „Tangeld Up In Blue“-Klassikers von 1975 – mit zwei völlig neuen Strophen. Dazu gab es in Oslo überraschende Coverversionen von Randy Newmans „Louisiana 1927“ und Guy Clarks „Dublin Blues“. Und erstmals seit 2005 spielte Dylan in Oslo auch wieder „Crash on the Levee (Down in the Flood)“. Außerdem gab es zur Überraschung aller einen neuen Gitarristen, dessen Namen man erst am Tag darauf in den sozialen Medien zu lesen bekam: Mike Seal an der elektrischen Gitarre.

Ob das alles auch in Düsseldorf zu erleben sein würde, ist wie alles bei Dylan ungewiss. Mit 19 Songs fing er in Oslo an, schon tags darauf waren es nur noch 18 und an den drei Konzertabenden zuvor in Horsens (Denmark), Flensburg und Bremen (Germany) war das Set jeweils auf 17 Songs zusammengeschrumpft.

Ob er in Düsseldorf sein knapp 90 minütiges Set mit „Watching The River Flow“ und „Love Sick“ beginnen würde, wie er es zwei Tage zuvor in Bremen tat? Ob er mit „To Be Alone With You“ und danach eben mit irgendetwas weitermachen würde oder ob er halt irgendetwas ganz anders machen würde, bis er seinen Flow findet, waren alles Fragen, die man schließlich erst mit den ersten Klängen des ersten Songs beantwortet bekommt, sofern man überhaupt solche Fragen stellt oder nach solchen Antworten sucht. Das Gros des Publikums, will eh nur den – mittlerweile 85 jährigen – „Meister“ vielleicht dann doch noch ein letztes Mal live erleben, egal, was er da spielt.

Und das war dann wohl auch der Grund, warum die aufgrund eines Sponsorenwechsels seit 2011 nunmehr von einst „Philips-Halle“ in „Mitsubishi Electric Halle“ umetikettierte Konzert-Location mit etwa 4000 Zuschauern zu etwa 95 % ausverkauft war.

Die meisten davon standen wie ich auch, zuvor entweder im Stau oder im Regen. Dieses Mal benötigte ich für die 312 Kilometer von meinem Zuhause im Südwesten bis Düsseldorf über fünf Stunden. Gegen 19.30 bekam ich tatsächlich noch einen der wenigen letzten offiziellen Parkplätze vor der Halle. Kaum angekommen, gab es Starkregen. Sozialisierung mit über die Jahre liebgewonnenen Dylanologen/ innen und Dylanianer- und innen wurde verkürzt und nach drinnen verlegt.

Auch der Gang zum Merch-Stand fand verkürzt statt. Das rechtzeitige Einnehmen des Platzes hat immer Vorrang. Punkt 20.00 Uhr ging das Licht aus? Nein! Ging es nicht! Es blieb an! Ich habe noch nie ein so hell erleuchtetes Dylan-Konzert erlebt. Ja, vor 30 Jahren wurde hin und wieder die Zugabe bei Saallicht gespielt. Heutzutage gibt es kaum Zugaben und alles ist zumeist Dunkel, vom zarten Licht der Smartphone-Displays ganz zu schweigen. Die gibt es wegen dem Smartphone-Verbot auch schon lange (seit 2021) nicht mehr. Ich weiß nicht, wie es bei den vorangegangenen Konzerten war und wie es bei den noch folgenden sein wird: Aber in Düsseldorf wurde das Saallicht nur leicht gedimmt. Gefühlt war es für Dylan-Verhältnisse taghell. Punkt 20.00 Uhr ging also nicht das Saallicht aus. Von rechts erklomm Dylans Band die Bühne, links schlich sich ein Mann mit Hoodie hinter sein Keyboard. Ja, der Mann mit schwarzen Schuhen, schwarzer Hose und schwarzem Hoodie, von dem höchsten die vorderen Reihen mal eine Nasenspitze aus dem Hoodie ragen sahen, soll Bob Dylan sein? Er ist es, was man bei den ersten Zeilen vom Opener „Watching The River Flow“ nachweislich zu hören bekommt.

Der Bühnenboden ist hellgrau. Farbwechsel im Bühnenhintergrund gibt es wie auf der „RARW“-Tour nicht mehr. Der Bühnenvorhang bleibt vom hinteren Boden aus angestrahlt in einem dezentem Kobaltblau eingetaucht. Links auf der Bühne steht Joel Paterson, rechts außen der im Oktober 2026 neu zur Tour gestoßene „Mystery-Gitarrist“ Mike Seal. In der Mitte der Bühne sitzt oder steht Bob Dylan an seinem Keyboard, während Bassist Tony Garnier und Schlagzeuger Anton Fig (aus Dylans Perspektive links) die Rhythmussektion im Hintergrund bilden.

Dylan beweist an diesem Abend in Düsseldorf 2026 einmal mehr, dass sein umfangreicher Liedkatalog für ihn kein abgeschlossenes Kapitel ist. Er bildet vielmehr ein musikalisches Reservoir, aus dem er immer neue Ausdrucksformen entwickelt. Er gibt alten Liedern neue Perspektiven und bedient sich in Düsseldorf Lieder aus sieben Jahrzehnten künstlerischen Schaffens, wenn er einen Zeitbogen von 1964 („It Aint Me, Baby“) bis 2020 (vier „Rough And Rowdy Ways“-Songs) schlägt.

Bob Dylan hat nie sonderlich viel Interesse daran gezeigt, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Das gilt für seine Karriere ebenso wie für seine Konzerte. Wer seine bekanntesten Songs in jenen Fassungen hören möchte, die vor Jahrzehnten auf Schallplatte erschienen, wird bei ihm nicht unbedingt fündig. Doch gerade diese Unberechenbarkeit ist längst zu einem wesentlichen Bestandteil seiner künstlerischen Identität geworden.

Auch das Düsseldorfer Konzert im Rahmen seiner „Lights of Autumn“-Tour folgte dieser Philosophie. Gemeinsam mit seiner vierköpfigen Band präsentierte Dylan 18 Songs aus unterschiedlichen Phasen seines Schaffens.

Ein solcher zeitlicher Bogen könnte leicht zu einem Rückblick auf die eigene Karriere geraten. Dylan jedoch verzichtet darauf, seine Vergangenheit in chronologischer Ordnung auszustellen. Stattdessen bringt er Stücke unterschiedlicher Entstehungszeiten in einen gemeinsamen musikalischen Zusammenhang. Blues, Country, Jazz und Elemente traditioneller amerikanischer Unterhaltungsmusik bilden dabei das stilistische Fundament. Von den neun der zehn Songs aus dem letzten Album „Rough and Rowdy Ways“, die er seit 2021 bis 2025 regelmäßig live darbot, sind „in concert“ nur noch vier übriggeblieben. Dafür spielte an diesem Abend vor allem ein Album eine bemerkenswerte Rolle: „Time Out of Mind“ aus dem Jahr 1997.

Im Mittelpunkt stehen dabei weniger die Wiedererkennbarkeit einzelner Melodien als die Frage, was sich mit diesen Songs heute noch anfangen lässt. Nicht jedes Stück wird dabei grundlegend verändert, doch viele erhalten durch neue Tempi („Trying To Get To Heaven“) , Instrumentierungen („Early Roman Kings“)  oder eine andere gesangliche Phrasierung („When I Paint My Masterpiece“) eine eigenständige Gestalt. Die vierköpfige Band-Besetzung mit zwei Gitarristen, einem Schlagzeuger und einem Bassisten ermöglicht Arrangements, die sich zwischen traditionellen Bluesmustern, zurückhaltenden Balladen und rhythmisch akzentuierten Passagen bewegen.

Auffällig war wie gesagt die starke Präsenz des Albums „Time Out of Mind“. Mit „Love Sick“, „Tryin‘ to Get to Heaven“, „Not Dark Yet“ und „Million Miles“ standen gleich vier seiner Kompositionen auf dem Programm. Als das Album 1997 erschien, wurde es weithin als bedeutender neuer Abschnitt in Dylans Karriere wahrgenommen. Die Texte kreisen häufig um Einsamkeit, enttäuschte Hoffnungen, Vergänglichkeit und die Suche nach Orientierung. Produzent Daniel Lanois hatte diesen Liedern damals eine dichte, atmosphärische Klanggestaltung verliehen. Fast dreißig Jahre später nähert sich Dylan 2026 in Düsseldorf diesem Material noch einmal aus einer anderen Lebensphase. Die Songs bleiben dieselben, doch die Persönlichkeit, die sie interpretiert, hat weitere Jahrzehnte an Erfahrungen gesammelt. Das verleiht insbesondere den nachdenklichen Kompositionen eine zusätzliche Ebene. Wo einst ein Künstler Ende fünfzig über Verlust, Zeit und Endlichkeit nachdachte, singt nun ein 85-Jähriger dieselben Worte. Die biografische Distanz zwischen Entstehung und heutiger Interpretation gehört unweigerlich zum Hörerlebnis. Viele im Publikum scheinen das ähnlich zu empfinden. Es gibt oft Szenen-Applaus.

Am deutlichsten zeigte sich das bei „Not Dark Yet“. Das Berücksichtigen dieses Songs führte wohl dazu, dass „Girl From  The North Country“ wie tags zuvor in Bremen nicht gespielt wurde.  Sieben Jahre lang hatte Dylan „Not Dark Yet“ nicht mehr auf einer Konzertbühne gespielt. In Düsseldorf nahm er das Lied erstmals seit November 2019 wieder in sein Programm auf, aber es klang völlig anders als man es in Erinnerung hatte. Langsam, schwer und spürbar melancholisch klang es 1997. 2026 in Düsseldorf wurde es zu einer kürzeren, rhythmisch beweglicheren Version. Sogar ein zarter Reggae-Klang nimmt der Musik etwas von ihrer ursprünglichen Schwere. Die Düsterkeit der Worte von 1997 bleibt, deren Wirkung hat sich 2026 verändert. Noch bemerkenswerter war allerdings, dass Dylan den Song nicht einfach in seiner vertrauten musikalischen Gestalt wieder aufgriff. Das Arrangement erhielt eine neue rhythmische Ausrichtung und entfernte sich damit deutlich von der getragenen Atmosphäre der Studioaufnahme. „Not Dark Yet“ beschäftigt sich mit der Erfahrung, dass Zeit und Lebenskräfte nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Im Alter seines Interpreten drängt sich eine biografische Lesart beinahe auf. Doch Dylan scheint gerade diese naheliegende Deutung nicht ungebrochen bestätigen zu wollen, zu dem wirkt er an diesem Abend sehr aufgeräumt und durchaus stabil.

Die Musik aber verändert den Blick auf den Text. Was ursprünglich vor allem als Ausdruck tiefer Erschöpfung erschien, gewinnt in der neuen Fassung eine andere Bewegung. Die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit bleibt aber auch bei „Black Rider“ bestehen, wird aber nicht ausschließlich von Schwermut bestimmt.

Neben den vier Stücken aus „Time Out of Mind“ bildeten Songs aus „Rough and Rowdy Ways“ einen weiteren Schwerpunkt: „Crossing the Rubicon“, „Black Rider“, „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“ und „Goodbye Jimmy Reed“ standen für eine Schaffensphase, in der Dylan amerikanische Musiktraditionen zunehmend mit erzählerischen, philosophischen und historischen Motiven verbindet.

Auch das 2012 erschienene Album „Tempest“ war mit „Early Roman Kings“ und „Soon After Midnight“ vertreten.

Dazwischen fanden sich ältere Kompositionen wie „Tangled Up in Blue“, „When I Paint My Masterpiece“ und „Under the Red Sky“. Ganz Ehrlich? Ob es sich bei der (neuen) „Tangled Up in Blue“-Version in Düsseldorf um die mit den zwei neuen Strophen handelt, die er in Oslo gespielt hatte, hab ich nicht herausgehört.

Mit „I Can Tell“ und die von Don Robertson geschriebene Ballade „Can’t Seem to Say Goodbye“, die unter anderem durch Jerry Lee Lewis bekannt wurde, offerierte Dylan zudem noch zwei Fremdkompositionen.

Mit einem geradezu hymnischen Ruhe entstehen lassenden „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“ als drittletzter Song  nach „Under The Red Sky” gibt es noch eine der schönsten Balladen des „Rough and Rowdy Ways”-Albums.

Danach bringt das rock`n`roll-hafte  „Goodbye Jimmy Reed“ noch einmal Bewegung in die Halle. Soviel zu den 18 gespielten Songs. Bemerkenswert ist bis dahin aber auch, welche Songs nicht gespielt wurden. Die berühmten Titel, mit denen Dylan in den Sechzigerjahren zu einer prägenden Figur der Popkultur wurde, fehlten vollständig.

Und ja, auch 2026 und in Düsseldorf galt wieder das Smartphone-Verbot, das Konzertbesucher stets zwiespältig diskutieren. Die einen mögen es, weil es die Konzentration auf das unmittelbare Konzertgeschehen unterstützt, die anderen hassen es einfach nur und empfinden es als Eingriff in die Privatsphäre.

Mit „Every Grain of Sand“ aus dem Album „Shot of Love“ von 1981 endete das Konzert.

Die Wahl dieses Stücks fügte sich auf besondere Weise in die thematische Grundstimmung des Abends ein. Dylan beschäftigt sich darin mit menschlicher Fehlbarkeit, spiritueller Orientierung und dem Verhältnis zwischen persönlicher Erfahrung und einer größeren Ordnung. Das Lied entstand in einer Phase, in der religiöse Fragen sein Schaffen besonders stark bestimmten. Doch seine Gedanken über Zweifel, Verantwortung und Sinnsuche reichen weit über einen bestimmten weltanschaulichen Zusammenhang hinaus. Als letztes Stück eines Konzerts, dessen Programm sich immer wieder mit Vergänglichkeit, Erinnerung und menschlicher Verletzlichkeit auseinandersetzte, besitzt „Every Grain of Sand“ eine besondere dramaturgische Wirkung. Mit dem abschließenden Einsatz seiner Mundharmonika verband Dylan diesen späten Konzertmoment noch einmal mit jenem Klang, der seit den Anfängen seiner Karriere zu seinen musikalischen Erkennungszeichen gehört. Das Lebenswerk Bob Dylan war im Jahre 2026 auch in Düsseldorf wieder in Bewegung. Mit dem Besuch eines Bob Dylan-Konzertes begibt man sich nicht auf eine Reise in die Vergangenheit, sondern holt die Vergangenheit in die Gegenwart. Bob Dylan lässt seine Songs mit sich älter werden – und gibt ihnen dabei immer wieder ein anderes Gesicht. Bei Bob Dylan herrscht die Leichtigkeit der Beständigkeit.

Am Schluss stellt sich Dylan dann noch für knapp eine halbe  Minute dem Standing Ovation gebenden Publikum und winkt ihm unter dem Hoody sogar mit beiden Armen zu. Ich weiß bis heute noch nicht, ob ich Dylan mit 85 unterm Hoody recht lächerlich aussehend empfinde oder einfach nur „sau cool“.