photos: Christof Graf
Esch-Sur-Alzette, Luxembourg, Rockhal, October 30, 2026
Review by Christof Graf
Düsseldorf – Luxembourg. Diese Dylan-Tournee-Strecke gab es für mich schon einmal vor zwei Jahren. Damals spielte Dylan am 27. Oktober 2024 in Düsseldorf und tags darauf in Luxemburg. Zwei Zahre später, fast zur gleichen Zeit heißt es für mich wieder: „First We Take Dusseldorf, then we take Luxembourg“. Die 2026 dazwischen liegende Station „Antwerpen“ hatte ich mir gespart.
Sechs Mal trat Bob Dylan bisher in Luxemburg auf. Sechs Mal habe ich ihn seit 1993 bisher in meinem Nachbarland erlebt. Am häufigsten war er dabei in der berühmten Rockhal in Esch-sur-Alzette, in der „Avenue Du Rock`n`Roll“ zu Gast, dort wo er seit 2011, 2013, 2017 und 2024 schon vier Mal aufgetreten war. Einmal schaffte er es 1996 in das kleine Differdange. Und das erste Mal trat Dylan im luxemburgischen Herzogtum in Pétange am 21. Februar 1993 auf. Erinnerungen dieser Art hörte man unter den älteren Besuchern gestern vor und nach dem Konzert in der fast ausverkauften bestuhlten Rockhal oft.
2026 tritt Dylan also zum siebten Mal im Großherzogtum Luxemburg und zum fünften Mal in der Rockhal auf. Am Industrie-Design der kalt und nüchtern und innen wie außen wie eine riesengroße Lagerhalle wirkenden Location hat sich in all den Jahren nichts verändert. An der Performance von Dylan veränderte sich von Tourstop zu Tourstop immer wieder etwas, so auch beim 69. Konzert im Jahre 2026.
Das Konzert-Format
Es blieb bei den mittlerweile als Konzertformat etablierten 18 Songs. „Crossing the Rubicorn“, wie an den Vorabenden gespielt wurde auf der Setlist gestrichen. Dafür gab es als fünften Song „High Water (For Charley Patton)“.
Das Licht-Konzept
Irgendwie schienen alle darauf zu warten, dass das Licht ausgeht. Ging es aber nicht. In Düsseldorf dachte ich lange, die haben es nur vergessen, auszumachen. In Luxembourg erkennte ich schnell: das ist Bobs neues „Licht-Konzept“. Irgendwer muss ihm gesagt haben: „Hey Bob, wenn Du schon schwarze Schuhe, Hose und Hoody hinter deinem schwarzen Klavier oder Keyboards tragen möchtest und wir die Bühne für Dich auch noch in einen dunklen Schatten eintauchen und auch noch das Licht im Saal ausmachen sollen, übertreibst Du das vielleicht mit Deiner gesuchten „Unsichtbarkeit“ ein wenig. – Also lässt man 2026 das Licht an. Nicht grell, aber ungewöhnlich hell für ein Rockkonzert. Schwarze Schuhe, Hose und Hoody hinter einem schwarzen Keyboard sind geblieben. Die Bühne ist wieder mit Strahlern vom Boden in ein dezentes Weiß-Blau getaut. Dahinter hängt ein Theatervorhang in Falten herunter. Daran wird an den knapp 90 Minuten nichts geändert.
Die Show
Eine „Show“ gibt es bei Dylan nicht. Gab es noch nie. Er ist einfach da. Und danach geht er einfach wieder. Pünktlich um 20.00 erscheinen die vier Musiker von rechts, fast wie aus dem „Nichts“ auf der Bühne und beginnen mit „Watching The River Flow“. Einen Moment später schreitet Bob Dylan von links hinzu, stellt sich an sein Keyboard und klinkt sich in den Song ein. An dieser Art der Performanz ändert sich in den knapp 90 Minuten quasi nichts. Bei den ruhigeren Tönen setzt er sich an die Keyboards, die meiste Zeit steht er. Beim letzten Song „Every Grain Of Sand“ spielt er am Ende Mundharmonika und die Rockhal applaudiert lautstark. Dann ist Schluß. Er steht auf. Schreitet vor die Keyboards, – übrigens weitaus agiler, als noch im letzten Jahr, muss sich nicht am Flügel festhalten, steht geradezu leichtfüßig vor den Keyboards, winkt kurz ins Publikum und geht wieder. Die Zeit, in der er da war, ist vorbei.
Manche, wohl jene, die ihn vor drei hundert Jahren das letzte Mal live gesehen haben, zeigen sich enttäuscht, weil er an diesem Abend (mal wieder) keinen Beitrag zur nostalgischen Feier mit „Blowin‘ in the Wind“, „Like a Rolling Stone“ oder „Knockin‘ on Heaven’s Door“ leistete. Seine Weigerung, sich auf seine Vergangenheit reduzieren zu lassen, ist (teilweise) noch nicht bei allen angekommen. Nein, er möchte nicht die Jugend seiner Zuhörer musikalisch wieder aufleben lassen. Dylan geht (wie immer) seinen eigenen Weg, den er aktiv weiterschreibt. – Nicht durch gewöhnliche Greatest-Hits-Shows (was er noch nie gemacht hat). Bob Dylan verlangt Aufmerksamkeit, Offenheit und die Bereitschaft, seine Songs immer wieder neu entdecken zu wollen. Er demonstriert: Ein Künstler seiner Güte muss (auch nicht mit 85 Jahren) nicht stehen bleiben, um seinem Lebenswerk treu zu bleiben. Bob Dylan ist nicht auf der Bühne, um seine Vergangenheit zu feiern. Er steht auf der Bühne, weil seine musikalische Reise (noch immer) nicht zu Ende ist, egal, ob sie von den einen „Never Ending Tour“ oder von anderen „Rough And Rowdy Ways-Tour“ genannt wird und 2026 „Lights Of Autumn-Tour 2026“ oder einfach nur „Europe/ UK Tour 2026“ etikettiert wird. Dylan beweist, dass künstlerische Kreativität keine Altersgrenze kennt, auch wenn er nicht „The Times They Are`A`Changin“ oder „Things Have Changed“ in Luxembourg singt.
„High Water“ in Luxembourg
Dylan in Luxembourg 2026 bleibt offen für Veränderungen und Überraschungen. Dylan präsentiert als fünfter Song „High Water (For Charley Patton)“, den Dylan erstmals seit 2018 wieder live gespielt hat. Das Stück aus seinem Album „Love and Theft“ von 2001 ist eine eindringliche Hommage an den frühen amerikanischen Blues.
Die Songs
Alle Songs tauchen in den Spätblues, reduzierten Folk, manchmal sogar in den Reggae („Not Dark Yet“ und „Love Sick“) und minimalistischen Jazz ein. Dylan agiert dabei primär am Keyboard, getragen von einer exzellenten, rein akustisch und dezent elektrisch besetzten Band (mit Tony Garnier (bg) und Anton Fig (dr), Joel Paterson und Mike Seal an den Gitarren), die wie ein perfekt eingespieltes Jazz-Combo-Kollektiv agiert.
Mit „Watching the River Flow“ eröffnete Dylan den Abend. Der Song von 1971 ist ein passender Einstieg für einen Musiker, dessen Karriere seit über 60 Jahren von ständiger Veränderung geprägt ist. Der Fluss wird zum Sinnbild eines Lebens, das unaufhaltsam weiterzieht. Musikalisch ist das Stück auch an diesem Abend tief im Blues verwurzelt.
An zweiter Stelle folgte „Love Sick“ aus dem 1997 erschienenen Album „Time Out of Mind“. Der Song gehört zu den düstersten Liebesliedern seines Repertoires und versetzt die Rockhal in eine Art mystischen Ort, an dem man einer Andacht beiwohnt.
Mit „It Ain’t Me, Babe“ geht Dylan zurück in das Jahr 1964, offeriert aber (wieder einmal) eine Version, die man musikalisch nicht sofort als das Original identifiziert.
Anschließend stand „Tryin‘ to Get to Heaven“ auf dem Programm, ebenfalls aus “Time Out of Mind”. Wieder ein Song über das Unterwegssein, die Suche nach Erlösung und die Endlichkeit menschlicher Existenz. Das Publikum ist andächtig still und denkt in diesen Momenten wohl auch über die eigene Vergänglichkeit nach.
Dann folgt die Überraschung des Abends mit „High Water (For Charley Patton)“, als „Geschenk an Luxembourg“ und völlig neu auf der bisherigen Songliste.
Mit „I Can Tell“, einem Song aus dem Repertoire von Bo Diddley, erweist Dylan dem frühen Rock ’n’ Roll seine Reverenz.
Danach folgt der erste „RARW“-Song mit „Black Rider“ aus dem 2020 veröffentlichten Album „Rough and Rowdy Ways“. Die rätselhafte Komposition mit dem geheimnisvollen schwarzen Reiter wirkt wie ein musikalisches Kammerspiel, in dem Andeutungen wichtiger sind als eindeutige Antworten. Die Andacht in Luxembourg geht immer tiefer.
Mit „Tangled Up in Blue“ beweist Dylan einmal mehr: Für ihn scheint ein Lied niemals endgültig abgeschlossen zu sein. Text, Melodie und Arrangement klingen in Luxembourg anders, erfrischend. Er ist einer jener vier Songs, bei denen Tony Garnier vom E-Bass zum Stand-Up-Bass greift. Und das ist immer dann der Fall, wenn die Songs, wie „Spoken Words“ klingen.
„When I Paint My Masterpiece“ brachte anschließend eine andere Facette Dylans zum Vorschein: den ironischen, von Fernweh und künstlerischer Sehnsucht geprägten Erzähler.
Zu den emotional gewichtigsten Momenten der Liedauswahl gehörte „Not Dark Yet“. Der Song aus „Time Out of Mind“ zählt zu Dylans eindringlichsten Meditationen über Müdigkeit, Einsamkeit und Sterblichkeit. Das Lied mit leicht reggae-hafter Anmutung war erst wenige Tage zuvor, am 27. Oktober in Düsseldorf, erstmals seit 2019 wieder auf seiner Konzert-Setlist erschienen. Dylans raue und in Luxembourg stets präsente und klare Stimme verstärkte die Stimmung des Songs.
Der anschließende Song „I Can’t Seem to Say Goodbye“, bekannt aus dem Repertoire von Jerry Lee Lewis, knüpft thematisch an den Vorgänger-Song an. Es ist ein Lied über Abschied, Trauer und das Unvermögen, einen geliebten Menschen endgültig loszulassen. Eine gefühlvolle, nostalgische Ballade aus der Tradition des frühen amerikanischen Pop und Country. Dylans sanftes Keyboardspiel und die schlichte Melodieführung verleihen dem Lied eine wehmütige, beinahe zerbrechliche Stimmung. Tony Garnier griff wieder zum Stand Up-Bass.
Mit „Early Roman Kings“ folgt ein erdiger, stampfender Blues mit markantem Rhythmus.
„Soon After Midnight“ ist eine sanft schwingende, melodische Ballade, die musikalisch an amerikanische Liebeslieder der 1950er-Jahre erinnert. Schön ist der Kontrast der verträumten Melodie zu Dylans knorriger aber klaren Stimme.
Bei „Million Miles“ greift Garnier wieder zum Stand Up-Bass. Ein schwerfälliger, hypnotischer Blues mit langsam pulsierendem Rhythmus und dunklen musikalischen Farben.
„Under the Red Sky“ klingt fast wie ein Kinderlied mit seiner eingängigen wie einfachen Melodie:
Erneute Stand Up-Bass-Zeit bei Tony Garnier bei “I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You”, eine zärtliche, weit ausschwingende Ballade mit sanftem Rhythmus und einer Melodie, die auch wieder an klassische amerikanische Liebeslieder erinnert. Die zurückhaltende Instrumentierung schafft eine warme, intime Atmosphäre, in der Dylans brüchige Stimme besonders eindringlich wirkt.
Treibender, schnörkelloser Bluesrock gibt es bei „Goodbye Jimmy Reed“, der mit seinem federnden Rhythmus und den markanten musikalischen Akzenten an den elektrischen Chicago-Blues erinnert. Eine gelungene Hommage an den Bluesmusiker Jimmy Reed.
„Every Grain of Sand“ ist eine ruhige, tief berührende Ballade mit gospelartigen Anklängen, einer schlichten, eleganten Melodie und einem getragenen musikalischen Fluss. Das Zusammenspiel von Keyboard und Dylans Mundharmonika verleiht dem Stück eine besonders innige, spirituelle Atmosphäre und macht es zu einem stimmungsvollen Konzertabschluss. Kaum ein anderes Lied hätte sich als Schlusspunkt besser geeignet.
Im Zusammenhang mit dem Luxemburger Programm erhält das Lied eine besondere Bedeutung. Nach den düsteren Betrachtungen von „Not Dark Yet“, den Bildern von Tod und Bedrohung in „Black Rider“ und der sehnsuchtsvollen Hingabe von „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“ führt „Every Grain of Sand“ zu einer ruhigeren, spirituellen Perspektive. Es wirkt wie der letzte Gedanke einer langen musikalischen Reise.
Vergänglichkeit der Zeit findet bei Bob Dylan 2026 nicht statt. Seine Songs werden an nächste Generationen weitergegeben, egal, wie sie klingen oder welche Worte, Zeilen oder Verse er verändert, ergänzt oder weglässt. Danke Bob Dylan dafür und Danke auch an meine Tochter, die mich zumLuxemburger Konzert begleitete.
Chronologie der Luxemburger Konzerte von Bob Dylan:
- 21. Februar 1993: Centre Sportif (Pétange)
- 24. Juni 1996: Centre Sportif de Differdange / Hall Omnisports (Obercorn)
- 21. Oktober 2011: Rockhal (Esch-sur-Alzette)
- 16. November 2013: Rockhal (Esch-sur-Alzette)
- 22. April 2017: Rockhal (Esch-sur-Alzette)
- 28. Oktober 2024: Rockhal (Esch-sur-Alzette) – im Rahmen seiner „Rough and Rowdy Ways“-Tour
- 30. Oktober 2026: Rockhal (Esh-sur-Alzette) – im Rahmen siener „Europe/ UK Tour 2026)











